Covid Maßnahmen

Blog 19.5.2021

 

Welche Öffnung? 

Vom Schweigen der Kulturbranche..

 

Versuchen wir uns zu erinnern, wie es vor einem Jahr war. Da gab es in etwa die gleichen Öffnungsschritte wie heuer, am 15. Juni wurde dann alles incl. Laufbordelle und Swingerclubs freigegeben, die Maske fiel und das gewohnte Leben nahm wieder seinen Lauf. Mit einer großen Ausnahme, der Kultur (den Sport lasse ich hier weg). Wo lauter Maskierte mit Abständen in den stimmungslosen Konzertsälen saßen. Und heuer scheint sich das Ganze offensichtlich zu wiederholen, gerade so, wie wenn es weder Test noch Impfungen geben würde. So nebenbei: die Risikogruppen wären ja nun geimpft. Da müssten ja nun eigentlich alle Maßnahmen fallen. Zumindest so wurde es letztes Jahr der Bevölkerung verkauft. Nachdem Wien nun einen der wohl längsten Lockdowns in Europa hatte (1.11. bis 19.5.) mit der üblichen Lockdownerfolgsquote von quasi NULL und den nicht abschätzbaren Kollateralschäden. Offensichtlich hat das virologische Kreativteam der Stadt Wien (detto das des Bundes) festgestellt, dass die Clusterbildung bei Kulturveranstaltungen die mit Abstand Höchste ist. Vor allem in klassischen Sitzkonzerten und Jazzdarbietungen ist die Ansteckungsgefahr um ein Vielfaches höher als z.B. in Swingerclubs. Deswegen werden wohl auch heuer Masken- und Abstandspflicht wieder nicht fallen. Und falls doch noch irgendwann, wird dasselbe panische Kreativteam spätestens am 1.9. die Propagandamaschine anwerfen – oh Wunder, die (nicht aussagekräftigen) Fallzahlen werden im Herbst wieder steigen, und wie bisher fast ausschließlich Manipulationen, Verdrehungen, Umkehrungen, tendenziöse Interpretationen und Unwahrheiten verbreiten – unter kräftigster Mithilfe der Medien, an vorderster Front Heute, Standard und Krone - und die unbelehrbare Gesellschaft wieder in die Hände von wohltuenden Lockdowns legen, die antidemokratische Abziehbilder vom Vorgehen der Kommunistischen Partei Chinas sind. Falsch: der von allen guten Geistern verlassene Wiener Bürgermeister spricht soeben (16.5.) vom nächsten Lockdown, das ist hochgradige  verantwortungslose Panikmache, die geahndet gehörte! Nur Schweden hat das Sars-Virus mit demokratischen Mitteln bekämpft und steht am Schluss besser da als ganz viele andere Länder, vor allem ohne dieses massive Auseinanderdriften innerhalb der Gesellschaft. Schließlich hat Schweden das beste Gesundheitssystem in Europa und nirgends leben die Leute so lange gesund wie dort. Die dauernden Zwischenrufe aus Resteuropa wären diesbezüglich also mehr als entbehrlich! Spannend in diesem Zusammenhang ist auch das Experiment in Texas, wo im März alle Maßnahmen aufgehoben worden sind. Aber nachdem das nicht sein darf, wird auch kaum darüber berichtet! Dafür gibt es soeben Good News aus dem Land, in dem in den Augen der Europäer lauter dumme Menschen leben, aus den USA, die soeben Masken- und Abstandspflicht für alle Geimpfte aufgehoben haben. Wie immer sind die Amis schneller, eloquenter und effizienter.

Aber es soll  ja in diesem Blog um die Kultur gehen. Wie konnte es dazu kommen, dass es weder von den Kulturschaffenden noch von den Kulturmachern oder Intellektuellen fast zwölf Monate lang keinen einzigen nennenswerten Protest gab/gibt? Und zwar europaweit, soweit ich das mitbekommen habe. Denn die "offiziellen Medien" – das sind in Österreich die, die vom Staat sehr viel zusätzliches Geld als Coronakompensation bekommen - warum eigentlich?, berichten darüber kaum. Ich aus zweiter Hand, dass sich die Kunst-Unis in Holland anders verhalten und teilweise maskenfreie Stätten des Widerstandes sind. Was ist mit den Linken – und die Kulturszene ist größtenteils links – passiert, dass sie sich hinter die Maßnahmen der Regierungen stellen, die ihre Existenz und Bedeutung nicht mal wahrnimmt und sie dafür als Zugabe mit einem fast einjährigen Berufsverbot belegt? Und komme mir niemand mit den unerfreulichen Streams! Wäre so eine pervertierte Nicht-Protest-Haltung in den 70er-Jahren möglich gewesen? Nie im Leben, da wären in Europa mit ziemlicher Sicherheit Hunderttausende auf die Straße gegangen. Und die Lockdowns wären in dieser Form nie durchführbar gewesen!

Ich habe nun ein Jahr verzweifelt nachgedacht, warum die Künstler nicht protestiert haben. Entweder war niemand da (ich schon!) oder es hat gar nicht erst stattgefunden. In den 70er -Jahren und selbstverständlich davor, war es in Europa so, dass Subventionen ausschließlich an die Hochkultur geflossen sind. Und die mochte man sowieso nicht, denn die betrachtete man als Teil des Establishments, gegen das man ankämpfte. Man empfand Hochkultur als langweilig, altmodisch und uninteressant. Das beinhaltete, dass man sich als nicht zur Hochkultur gehörender Künstler frei und unabhängig fühlte, um gegen staatliche Autoritäten zu kämpfen. Was man damals als Hardcore-Linker, wie ich einer war, als unabdinglich empfand. Die Vokabeln Kunst und Widerstand waren quasi ident.

Doch nachdem sich die Welt kontinuierlich weiter dreht, hat sich das dann später massiv verändert und ins komplette Gegenteil umgedreht. Subversion oder Underground gibt es schon längst nicht mehr, jede nur erdenkbare Form von "Kunst", wird subventioniert (sofern sie denn den "staatlichen Kriterien" entspricht) und das damalige Ideal der Entschulung der Gesellschaft  (Ivan Illich) hat sich ins Gegenteil manövriert. Wir leben im Zeitalter der Komplettakademisierung (über 15.000 Studienrichtungen alleine in Deutschland), vor allem in der Kunst, sprich Musik. Wir dürfen wohl von über fünfhundert Jazz- und eben so vielen Popausbildungsstätten in Europa reden, was ein bisserl grotesk und absurd ist. Allerdings muss ich hier auch anfügen, dass ich es 1978 als erster Musiker schaffte, Subventionen vom Staat für ein freiberufliches Ensemble, das Vienna Art Orchestra zu bekommen. Es waren ÖS 25.000.- Reisekostenzuschuss. Die Subventionen und und sonstigen Hilfen des Staates Österreich – wir sind in der Folge dann auch Kulturbotschafter des Landes geworden – waren natürlich eine große Hilfe für unsere internationale Karriere, die aber trotzdem nur deshalb passiert ist, weil es großes Interesse an dem Vienna Art Orchestra gab und die Veranstalter auch bereit waren, dafür zu zahlen. Später wurden die Subventionsmodalitäten immer mühsamer und ich entdeckte, wie viel mehr Spaß es mit Privatsponsoren machte. Durch die staatlichen Subventionen ist praktisch die gesamte Kulturbranche in Geiselhaft, nach dem Motto, die Hand, die einen füttert, beißt man nicht!

Oder ist es vielleicht so, dass die fast ausschließlich linken Künstler so panische Angst haben, sich nicht von den Rechten abzugrenzen? Unter dem Motto, wenn bei den Rechten der Tag 24 Stunden hat, dann hat er bei mir 23h59min59sek. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, die eigene permanente moralische Überlegenheit in Frage zu stellen.

 

Ah ja, und wo sind eigentlich die Intellektuellen und Philosophen geblieben? Die Antwort kennt nur der Wind..

 

Hier ein kurzer Ausflug in die frühen Siebzigerjahre an die Musikhochschule in Graz, wo es damals nur sehr wenige Jazzstudenten gab, von denen die meisten, nebst ein paar Unbegabten bereits hervorragende, von überall aus Europa stammende, Musiker waren. Prüfungen hatte man keine gemacht, das passte nicht zum Spirit des Jazz (nur die wenigen Streber hatten damals einen Abschluss gemacht).  Gespielt wurde praktisch Tag und Nacht, oft mit, selten auch ohne Drogen. Alles war wild, anarchisch. Und die Meisten der damaligen Zeit sind nachher Jazzmusiker geworden. Diesen Beruf gab es damals tatsächlich noch..:-). Es war eine Begegnungsstätte für junge internationale Musiker und lauter verrückte Lehrer, die alle auch nur spielen wollten. Seither hat es sich für mich noch oft bewahrheitet, dass Österreich die wesentlich lustigere Variante der Schweiz ist!

Aber gut, die Zeiten haben sich geändert. Doch es war ein großes Privileg, vor allem in den  80er-Jahren, die wohl "größte Kunstparty ever", erleben zu dürfen. Mit einem Staat, der sich z.B. in Frankreich und Österreich hinter die Kunst gestellt und ihren Stellenwert quasi zum höchsten Gut erhoben hatte. Die andere große Party zuvor war das Jazzage  (1920 bis 1929) in Paris (und Shanghai).

 

Zurück zur finanziellen Abhängigkeit der Künstler vom Staat: Es hat in Österreich zweimal den Versuch gegeben, das staatliche Subventionssystem zu entschärfen, in dem man es jeder selbstständigen Privatperson erlauben wollte, einen bestimmten Prozentsatz der zu bezahlenden Steuer freihändig an kulturelle Institutionen oder Künstler direkt zu vergeben. Leider sind beide Versuche gescheitert. Ebenso der Versuch, dass man hierzulande steuerschonende Stiftungen (was ja eigentlich schon ein Widerspruch ist) dazu verpflichtet, dass sie wie in Deutschland oder in der Schweiz, einen bestimmten Prozentsatz pro Jahr für soziale und/oder kulturelle Zwecke ausgeben müssen.

 

Aber das alles erklärt noch nicht, warum die Kritik an den (unverhältnismäßigen) Corona Maßnahmen plötzlich in einen Links-Rechts-Kampf ausgeartet ist, für einen "Ultraliberalen" wie mich besonders schwer nachvollziehbar. Dabei wäre es ja relativ einfach: es gibt Maßnahmenbefürworter und Maßnahmenkritiker. Und diese zwei Gruppen hätten miteinander kommunizieren sollen – und zwar auf allen Ebenen, um so das Land aus einer gesamtheitlichen Perspektive, unter Einbeziehung aller Faktoren und Eventualitäten, möglichst gut durch die Krise zu führen. Das Gegenteil ist passiert: der Begriff Massnahmengegner kam gar nicht erst vor, sondern wurde von Anfang an in Coronaleugner oder Verschwörungstheoretiker umgewandelt, die dann sicherheitshalber gleich ins rechte bis rechtsextremistische Eck gestellt und gleichzeitig zum Staatsfeind erklärt wurden. So wurde jeder Dialog im vorhinein abgewürgt und Österreichs empathieloser Bundeskanzler durfte ungestraft von 100.000 Toten in Österreich "schwafeln" (dafür gehörte er - wenn schon - vor Gericht, nicht für diese lächerlichen kleinen Lügen!) Ein wirklich genialer Schachzug der undemokratisch agierenden Mächtigen mit  katastrophalen Ausmaßen für die Bevölkerung, die noch lange darunter leiden wird. Ganz besonders dreist in diesem Zusammenhang ist das Vorgehen der Regierung in Kolumbien, wo der Mittelstand zuerst durch Corona Maßnahmen ausgehungert worden ist, um ihn die Kosten im Jahr drauf, also in diesem Jahr, durch höhere Steuern bezahlen zu lassen.  
          

Die Kulturbranche sollte sich meiner Meinung auf keine halben Sachen einlassen, das macht sie extrem erpressbar, siehe letztes Jahr (all die wirksamen, ausgeklügelten Schutzkonzepte hatten sich über Nacht im Nichts aufgelöst). Das Auftreten vor Maskierten mit Abständen hat mit einem Live-Erlebnis rein gar nichts mehr zu tun. Da gibt es keinen Austausch zwischen dem Künstler und dem Publikum, keine gegenseitige Inspiration. Und solange sollte man die Kultur ruhen lassen und  die Politik vor die Wahl stellen, entweder oder! Vielleicht unterschätze ich aber lediglich das masochistische Potential der Künstler. Und den Machern der großen Häuser soll es sowieso recht sein, sie bekommen ihre Subventionen ja sowieso. Und wer glaubt, von Machern wie dem Wiener "Staatsoperndirektor" würde auch nur der leiseste Protest kommen, der sollte nochmals zurück zum Absatz über die Hochkultur in den 70ern.

 

Und zum Schluss noch einen kleinen Überblick über die wenigen Wehrhaften in Österreich: Da wäre eine Verfassungsklage gegen den Lockdown vom klassischen Pianisten Florian Krumpöck und ein Video mit dem klassischen Sänger Günther Groissböck. In Deutschland  gibt es die Initiative Aufstehen für die Kunst von den vier klassischen Musikern, dem Tenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, dem Bariton Christian Gerhaher, dem Dirigenten Hansjörg Albrecht und dem Tenor Kevin Coners  aus München. Und dann natürlich die aufsehenerregende Initiative #allesdichtmachen um den Schauspieler Jan Josef Liefers, der dafür von den Linken mit stalinistischen Methoden gemaßregelt, verurteilt, geschändet und gevierteilt wurde! Die Moralkeule der selbsternannten über Allem erhabenen Linken, die jede Diskussion abschaffen und nur noch ausschließlich ihre eigene Meinung gelten lassen wollen, schlug gnadenlos zu und wird das weiterhin so tun.

Jedenfalls steht noch ein Gedankenexperiment im Raum: wie hätte/würde sich die Kultur verhalten, kämen dieselben Einschränkungen von einer türkis-blauen Regierung?

Hätten dann auch alle brav Platz gemacht?

Es kann und darf nicht die Aufgabe eines Staates sein, dessen Bürger vor dem Tod zu schützen. Sonst müsste man zuerst den Alkohol, das Rauchen, den Zucker, den Straßenverkehr und alle gefährlichen Sportarten verbieten. Pro kg Übergewicht müsste man Ende des Jahres eine Strafsteuer von € 1.000.- bezahlen. Das Ganze nennt sich Prohibition, den Ausgang kennt man, auch wenn leider viele politische Tendenzen, die wir gerade erleben, in diese Richtung weisen. Ganz anders im Falle einer echten Pandemie wie Ebola oder der spanischen Grippe, wo die Überlebenschance nach einer Infektion 50% beträgt. Aber da würde sogar ich nur mit einem Schutzanzug das Haus verlassen..

Hier eine Übersicht über die durch Prohibition "vermeidbaren" Todesfälle, wobei Statistiken immer mit einer gewissen Vorsicht zu genießen sind. Für die Covidtoten 2020 habe ich nichts Brauchbares gefunden, irgendwie passend zur Situation.

Todesfälle weltweit pro Jahr durch:
Rauchen
: 7 Mio - Übergewicht: 4 Mio - Alkohol: 3 Mio - Zucker: 3 Mio

Verkehr: 1,35 Mio  Hier sind es weniger die Todeszahlen, als die Zahl der Schwerverletzten.

Wien, 19.5.2021

mathias rüegg
 

im Nebenberuf: Maßnahmenkritiker, Ultraliberaler, manchmal sehr "links", manchmal sehr "rechts", manchmal in der "Mitte", nie greifbar, Utopist, Einzelkämpfer, Asket, Vegetarier, Wehrdienstverweigerer, Freigeist, 70er/80er-Jahre Demoaktivist (einmal sogar Seite an Seite mit Bruno Kreisky auf der Kärntnerstraße bei einer Urheberrechtsdemo), Verfasser von vierzeiligen Tiergedichten & Blogschreiber.  Gegner des Islam und der Katholischen Kirche, dafür protestantischer Atheist. Autogegner, Gegner der Fleischindustrie und des Pauschaltourismus. Tendenzieller Befürworter des Kapitalismus, Gegner des Sozialismus. Für die Freigabe von sämtlichen Drogen. Vater einer Tänzerin/Choreographin, Junggeselle und Sohn eines intellektuellen halbjüdischen Außenseiters und einer kunstsinnigen Mutter. Ausgebildeter Volksschullehrer mit Praxis als Sonderschullehrer. Gegner der Todesstrafe, Befürworter der Sterbehilfe. Analog denkender frankophoner Opsimath 13) mit der Lebensdevise kein Besitz, keine Schulden.

 

Im Hauptberuf:  Komponist & Arrangeur, Gründer und Leiter des Vienna Art Orchestra (1977 bis 2010), Gründer des Porgy & Bess sowie des Hans Koller-Preises. Förderer zahlreicher Talente, seit einigen Jahren auch als begleitender Pianist tätig. 

 

ps 1: am 12. Mai zu Mittag hatte ich mich plötzlich daran erinnert, dass ich vor langer Zeit dem Schweizer, in Berlin lebenden Posaunisten Samuel Blaser versprochen hatte, ein Stück für ihn zu schreiben. Das tat ich umgehend und schickte es ihm so um vier herum (Dok). Um 01.17 bekam  ich folgende Mail: Lieber Mathias , Juste à temps pour notre répétition! Wir haben die Stuck heute mit Heiri und Gerry Hemingway probiert. Es klingt gut! Sounds like it’s written for me :-) loving it! Playing it on Friday at Jazz like a Jazz machine in Luxembourg.

So etwas ist mir in meiner Laufbahn noch NIE passiert. Und wird es wohl auch nicht mehr. Für die, die nicht aus der Branche sind: im Durchschnitt dauert so etwas zwischen drei  und sechs Monaten..:-)

ps 2: vielleicht hatten die "Verschwörungstheoretiker" doch nicht ganz Unrecht, die vermuteten, das Ganze diene einem höheren Ziel. Allerdings glaube ich, dass so etwas, wie meistens, zufällig passiert ist. Aber ich bin ja auch kein Verschwörungstheoretiker..:-