Blog 2021 - über's Leben

1.August 2021

Die Stadt der Klaviere

Huppert Stuppner, Verlag Hollitzer

 

So bezeichnete der von 1781 bis 1791 in Wien lebende Mozart die Stadt, in der sich um 1800 das Forte Piano entwicklungstechnisch noch in der Pubertät befand und sich von da an laufend weiterentwickelte. Es gab zwei grundsätzlich verschiedene Klaviertypen, einerseits die Ur-Wienerische Marke Anton Walter mit leichtem Tastendruck und einem hellen schwebenden Klang. Es war Mozarts und Schuberts (weibliches) Klavier und begünstigte eher zarte Hände. Andererseits das englische Klavier Broadwood mit schwerem Anschlag und kräftigem männlichen Ton, das Instrument Beethovens, wovon er en passant eine Unzahl ruiniert haben dürfte.

Interessant dabei ist die Rolle der vielen eingewanderten deutschen Klavierbauer von Anton Walter über Stein & Sohn (später Steinway), bis zu Joseph Brodmann  und Friedrich Ehrbar. Lediglich Bösendorfer war eine reine Wiener Firma. Um 1850 herum gab es Wien sage und schreibe 108 (!) Klaviermanufakturen, wobei bereits 1813 mit präparierten Klavieren mit mehreren Pedalen experimentiert wurde. Die deutschen Einwanderer waren obendrein protestantisch, also wagemutiger als die konservativen katholischen Wiener. Brahms, Hanslick, Semper (Architekt des Burgtheaters), Theophil von Hansen (Erbauer des Musikvereins) waren deutsche Protestanten. Johann Strauß war protestantisch, der Patriarch Johann Michael Strauß dagegen getaufter Jude. Otto Wagner, Joseph Hoffmann, Egon Schiele oder Alban Berg waren evangelisch. Zemlinsky, Schönberg und Egon Friedell waren jüdisch und protestantisch. Dazu kamen all die unglaublichen Musiker aus dem Osten, die allesamt jüdisch waren, was Horowitz später zur Aussage verleiten sollte: "Es gibt nur drei Sorten von Pianisten: jüdische, homosexuelle und schlechte". Jedenfalls gab es viel Platz für Musik, nicht zuletzt deshalb, weil mit Ausnahme des biederen Kaisers Franz Josef die Habsburger Kaiser allesamt musikalisch begabte Monarchen waren und Musik unter ihnen zur Staatsraison aufstieg. 

Jedenfalls entstand eine Unzahl von Klavierpatenten, die ein immer virtuoseres Spiel ermöglichten. Das Wienerisch-Leichte in Mozarts und Schuberts Spiel wurde nach und nach abgelöst von Beethovens cholerisch-dionysischer Spielweise, die vor allem bei den Frauen einen großen Eindruck hinterließ, trotz oder gerade wegen seiner Radikalität. 

Mit dem Tod von Beethoven (1827) und Schubert (1828) ging das improvisierte Virtuosentum zu Ende, bei dem das Spielerische, Verspielte, Kreative und nicht die technische Brillanz im Vordergrund standen. Doch dann debütierte Paganini 1828 in Wien und bereits sein erstes Konzert verwandelte die Stadt in einen bis dato nicht gekannten Zustand der Raserei, und die Pianofortisten konnten das so nicht auf sich sitzen lassen; schließlich war es Franz Liszt, der am 28.4.1838 im Musikverein die Wiener in einen Taumel versetzte, in dem er alle Pianisten in Grund und Boden spielte. Da verblasste daneben sogar 1829 das Debut des neunzehnjährigen Virtuosen Frédéric Chopin in der nachträglichen Wahrnehmung.

Doch 1848 im Revolutionsjahr wurde man des Virtuosentums von Franz Liszt und Sigismond Thalberg und seiner eigenen Begeisterung plötzlich überdrüssig und die maßlose Begeisterungswelle schwappte ab. Ab der Wiener Weltausstellung 1873 läutete Anton Rubinstein eine Zeitwende ein. Ab nun wurde fast nichts mehr komponiert, und improvisiert, man spielte plötzlich nur noch "bewährtes", rückwärts gewandtes Repertoire. Und nach der Virtuosen-Lawine Thalberg – Chopin – Liszt – Rubinstein waren nun Regulierung und akademische Beherrschung angesagt. So wurde Wien zum Mekka des Klavierunterrichts. Es entstanden ganze Etüden-Schmieden, in denen alles akribisch genormt wurde, von der Sitzhöhe des Klavierstuhls über die Finger- und Hand- bis zur Körperhaltung. Theodor Leschetizky errichtete eine pianistische Privatklinik mit mehreren Assistenten, aus der jede Menge Virtuosen wie Ignacy Paderewski, Funny Bloomfield-Zeisler oder Paul Wittgenstein hervorgingen. Aber die extreme Technik stand im Vordergrund, und Artur Schnabel wurde von Leschetizky mit folgenden Worten zurechtgewiesen: "Aus Dir wird niemals ein Pianist, denn Du bist viel zu sehr Musiker". Mit anderen Worten, nach 75 Jahren wilder, spontaner und ungezügelter Kreativität folgte nun eine Akademisierung und Gleichschaltung, die sich tendenziell aufs "richtige" Interpretieren beschränkte und auch durch das Zurückdrängen der Improvisation immer gleichförmiger wurde. Trotzdem gab es natürlich jede Menge herausragender Interpreten wie Moritz Rosenthal, Wladimir de Pachmann oder Sophie Menter. Und das hat sich natürlich bis heute nicht geändert.

Doch dann,  nach dem Tod von Liszt (1886), Bruckner (1896), Brahms (1897) und Johann Strauß (1899) blieb von der romantischen Klavierkultur nicht mehr viel übrig. Und das Wiener Klavier trocknete ein: "Es bäumte sich zwar noch einmal mit Alban Bergs Sonate op.1 auf, zuckte dann aber nervös in Schönbergs Klavierstücken zusammen  und streckte in Weberns Variationen völlig erschöpft alle Viere von sich." (Zitat Hubert Stuppner)

Und dann legte sich die Nacht über Europa. Es ist kaum nachvollziehbar, dass sich praktisch die gesamte europäische intellektuelle Kulturelite wie in einem Rausch in einem widerlichen nationalistischen Kriegstaumel  (der nicht mal ansatzweise in Frage gestellt wurde) auf die Seite der Mächtigen stellte, um gegen ihre Kollegen und Freunde aus den nun gegnerischen europäischen Ländern zu hetzen und gegen sie in den Krieg zu ziehen. Etwas, dem sich nur ganz wenige widersetzt hatten, allen voran Berta von Suttner, Albert Einstein und Karl Kraus. 

Hier ein kleiner Auszug aus dem prominenten Kabinett des Grauens:

80% der deutschen Hochschullehrer, 560 gefallene französische Schriftsteller, fast alle Futuristen, Thomas Mann, Gerhard Hauptmann, Georg Trakl, Jean Cocteau, Ernst Ludwig Kirchner, Max Beckmann, George Grosz, Otto Dix, Franz Marc, August Macke, Arnold Schönberg, Anton Webern, Alban Berg & Camille Saint-Saens. Und so stürzte sich Europa in den Abgrund und die Moderne in Paris stellte sich ab nun mehrheitlich in den Dienst politischer (kommunistischer) Ziele. Das Vertrauen in die Kunst war verloren gegangen. Nur Picasso und Giacometti boten dem Diktator André Breton die Stirn, auch Strawinksky ließ sich von niemandem einspannen. Siehe dazu auch die Arte/Netflixserie: Die Abenteurer der modernen Kunst.

 

Und dann verlagerte sich das Geschehen nach N.Y.C., in eine Stadt, der Monarchen und Adel fremd waren und wo es kaum Hierarchien wie in Europa gab. Es gab auch keine künstlerische Vergangenheit, die Stadt war ein weißes unbeschriebenes Blatt, die pulsierende Metropole der neuen Welt, wo alles anders war.

1906 betrat der russische Pianist und Komponist Leo Ornstein, der in drei Jahrhunderten gelebt hat, die Szene in NYC und eroberte mit seinem martialischen Spiel die Musikszene; und die Frauen fielen wie in Europa bei Paganini und Liszt reihenweise in Ohnmacht, und das bei Stücken wie Wild Men's Dance!

Hier begann also nochmals alles neu, auch das Klavierspiel. Eine Generation von ausschließlich schwarzen Musikern stand in den Startlöchern, die alles neu erfinden sollten: Scott Joplin, Jelly Roll MortonWillie The Lion SmithDuke EllingtonFats WallerArt Tatum, Teddy Wilson oder Oscar Peterson.

(Es gab auch ein paar wenige sehr gute weiße Pianisten, aber nur einen, der stilbildend war: Bill Evans). Nachdem sich die europäische Klaviermusik wie oben beschrieben quasi selber abgeschafft hatte, entstand hier ein unbeschreiblicher Vulkan an pianistischer Virtuosität, rhythmischer Komplexität  und Lebensfreude, den die Welt bis anhin so noch nicht gesehen hatte. Das Paradoxe dabei ist, dass der Jazz in dieser virtuosen Form nur infolge der Diskriminierung der schwarzen Musiker – sie durften zwar Klassik studieren, aber nicht auftreten, und mussten so zwangsläufig etwas Neues erfinden, entstehen konnte (Siehe auch Alex Ross' Beitrag über den schwarzen Geiger Will Marion Cook. 

Und so passierte in den USA genau das, was ein Jahrhundert zuvor in Europa passiert war. Das Klavier stand (wieder) im Zentrum und alles wurde nochmals unter anderen Vorzeichen – Rhythmik und Improvisation standen im Vordergrund – durchgespielt, auch wenn die europäischen akademischen Musiker eher die Nase über diese schwarze Musik rümpften und die Rhythmik nicht mal im Ansatz verstanden hatten. 

Das kümmerte (meinen absoluten Darling) Martha Davis allerdings herzlich wenig. All diese großartigen Pianisten und raren Pianistinnen (wenn, dann vor allem in der Swingära) waren ebenso außergewöhnliche Improvisatoren (die ein eigenständiges Vokabular erfunden hatten, und damit waren sie auch Komponisten). Und der Jazz, vor allem die Swingmusik, trat einen Siegeszug durch die ganze Welt an. Bis 1954: ab da wurde der weiße Rock’n’Roll zur populären Musik der Jugend (quasi als Weißwaschung des schwarzen Rhythm’n’Blues durch wesentlich weniger Begabte) und ab 1964 folgte dann die "Rache" durch die Popmusik und parallel dazu die gesellschaftliche Infantilisierung, die momentan besondere Triumphe feiert. Der Jazz verlor zusehends an Bedeutung, lebte aber noch immer auf höchstem Niveau weiter bis Mitte der 70er Jahre, vor allem dank der "Großen Drei" Herbie Hancock, Keith Jarrett und Chick Corea. Und dann passierte etwas "Unheimliches": 1973 entstand das Berkley College of Music (in der heutigen Form), also die später weltweit agierende Jazzausbildungsstätte, die die Akademisierung des Jazz einläutete, ziemlich genau hundert Jahre, nachdem dasselbe in der klassischen Musik passiert war, wobei es Musikakademien in Wien und Paris allerdings schon seit 1800 gab. Und so entfernte sich der Jazz immer mehr von seiner ursprünglichen Lebendigkeit und verschwand nach einer völlig sinnlosen Freejazzphase in den 70ern (die fast nur linke europäische Pseudointellektuelle (wie z.B. ich) fasziniert hatte) nach und nach in der heutigen Beliebig- und Bedeutungslosigkeit. Ca. je ein Prozent des Weltmusikmarktes für Klassik und Jazz!

Da müssen "wir" wohl etwas richtig gemacht haben..:-)

 

Wird es das Klavier – die Mutter aller Instrumente, auch in diesem Jahrhundert noch einmal schaffen, im Zentrum musikalischer Erneuerung zu stehen? Nachdem wir uns aber bereits im Jahr 2021 befinden, hätte man vielleicht schon irgend etwas in dieser Richtung wahrnehmen müssen... Doch wenn man heutzutage durch die Straßen von Wien geht, hört man praktisch nirgends mehr selbst gespielte (Klavier) Musik. Das Klavier ist aus dem privaten und öffentlichen Raum verschwunden. Die Stadt liegt musikalisch-pianistisch im Tiefschlaf...für immer? Oder doch nicht?

 

mathias rüegg

 

ps: Lieber Vladimir, herzlichen Dank für das Buch!

 

Ps: Das Buch des italienischen Komponisten Hubert Stuppner heißt eigentlich "Ich, der unbekannte Sohn Gustav Mahlers". Diesen Teil finde ich aber nicht so interessant, wie all die anderen Informationen über die Klavierstadt Wien, wobei dem "Duell" Ehrbar gegen Bösendorfer viel Platz eingeräumt wird. Und ich selber mag die Bösendorfer-Klaviere mit Abstand am liebsten!