Blog 2019 - über Musik

15.12.2019

My Favorite Composers 1

Billy Strayhorn 

 

Als der junge, aus Pittsburg stammende, 1915 geborene Musiker Billy Strayhorn 1939 zum ersten Mal auf Duke Ellington traf und ihm quasi als Einstandsgeschenk Take The A-Train, das später das Markenzeichen des Ellington-Orchesters werden sollte, überreichte, ahnte er noch nicht, dass er fortan sein ganzes Leben bis zu seinem Tode 

1967 an der Seite dieses Mannes verbringen würde. In dieser beinahe einmaligen Konstellation der Musikgeschichte – mir fallen nur noch John Lennon & Paul Mc Cartney ein, stellten sich neben der tiefen Freundschaft zwischen den beiden und des blinden musikalischen Verständnisses des öfteren auch „Szenen einer Ehe“ ein, denen Strayhorn anfangs der 50er erfolglos zu entfliehen versuchte, da er sich (zu Recht) oft  nicht vollgenommen fühlte, weil ihm - wie übrigens auch anderen Musikern, Ellington in vielen Fällen das Urheberrecht für die geleisteten Anteile oder ganze Kompositionen nicht zugestehen wollte. Und als bekennender Homosexueller in der damaligen Zeit hatte es Strayhorn ja auch nicht gerade leicht. So versuchte er neben dem übermächtigen Duke irgendwie auch ein eigens leben zu leben, in dem der sich z.B. im Neal Salon mit anderen schwarzen homosexuellen Künstlern austauschte oder als musikalischer Direktor der Copasetics, für die er die Musik zu sechs Shows zwischen 1951 & 1963 geschrieben hatte. Aber die meiste Zeit verbrachte er damit, für das Ellington-Orchestra zu arrangieren, zu komponieren und auch Klavier zu spielen. Wobei die Beziehung zwischen Strayhorn und Ellington so symbiotisch wurde, dass die beiden auch als Pianisten nur schwer auseinanderzuhalten sind. Dazu ein eindrücklicher Beweis mit Strayhorn am Piano.        

Auch in der Notenschrift gibt es einige Ähnlichkeiten. Hier je eine Seite von Strayhorn und Ellington. (Dok Partitur). Jedenfalls schrieb Strayhorn eine beträchtliche Anzahl von Kompositionen für Ellington, darunter ein gutes Duzend unvergleichlicher, ganz spezieller Balladen, die sich alle durch eine ganz besondere Melodik und Harmonik auszeichnen, die man sonst wohl nur noch bei Thelonious Monk findet. Gemeint sind z.B. After All, Blood Count, Chelsea Bridge, Day Dream, Lotus Blossom, Lush Life, My little Brown Book, Passion Flower, Something to Live For, The Star Crossed Lovers oder The Strange Feeling. Biograph David Hajdu  etwa listet hundertzwanzig Songs und dreizehn Suiten von Strayhorn auf, der holländische Musikwissenschaftler Walter von der Leur knappe sechshundert (mit den Nichtveröffentlichten) und David Brent Johnson über tausend. Ellington-Experte Wynton Marsalis wiederum ist der Ansicht, dass Strayhorn eigentlich nur Trittbrettfahrer war und sich bloß im Licht Ellingtons gesonnt hat.            
Wie auch immer, es wird für immer das Geheimnis der Zweien bleiben, was genau wer wie gemacht hat.  Interessant dabei ist, was van der Leur so alles recherchiert hat, z.B. im Falle von „Anatomy of a Murder 9 (track 8 of 13): Almost Cried...Relevant manuscript: autograph scores. Pieced together from two scores: measures 1-6 (Intro), 17-24 (bridge), and 33-38 (coda) are by Elligton; measures 7-8 (Intro), 9-16 (first A), and 24 -32) by Strayhorn.“ Oder in Such Sweet Thunder (movement 1 of 12)...Relevant maunscript: autograph score: Measures 1-48 and 61-72 are by Ellington; measures 49-60 are missing and measures 73-75 are by Strayhorn. Tja, da bleibt einem der Mund offen!

Ich selber muss gestehen, dass ich im Sound der Arrangements keinen Unterschied hören, also nicht unterscheiden kann, wer orchestriert hat. Für mich klingt alles so zeitlos schön, was natürlich auch sehr viel mit den unvergleichlichen Stimmen/Solisten, vor allem mit Johnny Hodges oder Paul Gonsalves oder Harry Carney zu tun hat.
Strayhorn, der ursprünglich ein klassischer Musiker werden wollte, hatte ein paar Ausflüge in dieses Genre unternommen, allerdings nicht allzu erfolgreich. Hier ein eher eigenartiges fast dreizehn Minuten dauerndes Duo für Horn und Klavier 12, das für mich am besten in einer Piano-Blueskadenz bei 4:30 klingt. Das Dutch Jazz Orchestra 12a hat zwei weitere bis dato unveröffentlichte Kompositionen eingespielt, The Flowers of Love 13 für klassische Stimme sowie einen Walzer, der Chopin nachempfunden ist 14.

Auf seinem Soloalbum The Peaceful Side (UAJ, 1963) gibt es ein paar sehr berückende intime Momente, The Strange Feeling und Passion Flower zeugen davon. Ganz besonders schön auch die gleichnamige Version mit Rosemarie Clooney und Johnny Hodge. 18

Und zum Schluss noch ein wunderschönes Statement von Strayhorn über sein Verhältnis zur Melodie: „ I feel it is not right for an artist to turn his back on a simple melody just because it’s not a great suite or something or other. After all, Horowitz plays Träumerei beautifully, and why shouldn’t he? Why shouldn’t  you play a simple melody? It’s  a matter of being humble. All great artists are humble..“

 

mathias rüegg

 

ps: und zum Schluss noch After All mit Florian Bramböck,  Österreichs meist unterschätztem Altisten, Johnny Hodges’ Alter Ego

Player 1

BLOOD COUNT

War das letzte Stück, das Strayhorn (1967) geschrieben und im Krankenhaus vollendet hatte. Duke nahm es auf das Album And His Mother Called Him Bill, danach hatte er das Stück nie mehr wieder gespielt. Das Album besteht nur aus Strayhorn-Tunes und ist etwas vom Besten, was das Ellington-Orchester eingespielt hat.

 

Duke Ellington  
And His Mother Called Him Bill  - 1968, RCA Records

Hier die Originalversion mit dem herzzerreißenden und unvergleichlichen Johnny Hodges in einem extrem langsamen und schwierig zu spielenden Tempo. Hodges spielt „nur“ das Thema, aber WIE! Und das mitten in der Hochblüte der Hippiezeit.

Shirley Horn 
Marian Mc Partland’s Piano Jazz  - 2006, The Jazz Alliance

Die 2013 verstorbene Pianistin Marian Mc Partland hatte eine über vierzig Jahre lange die Radiosendung Marian McPartland's Piano Jazz, in die sie praktisch alle Pianistinnen und Pianisten eingeladen hatte, so auch Shirley Horn, die hier eine wunderbare Soloversion spielt.

Joe Henderson 
The Music of Billy Strayhorn – 1992, Verve

Eine sehr zurückhaltende, wunderschön zerbrechliche Version Quartett-Version mit Stephen Scott am Piano.

 

Art Farmer

Something to Live For - 1987, Contemporary

Dieses Album ist stilistisch eher untypisch für Art, der u.a. auch zehn Jahre lang in Wien gewohnt hatte. Mir gefallen die Harmonisierungen des Pianisten James Williams sehr gut.

 

Stan Getz

Pure Getz – 1982, Concord Jazz

Stan Getz beginnt ganz zart und steigert dann die Intensität durchgehend bis zum Schluss, begleitet von der Rhythm-Section um den Pianisten Jim McNeely.

Player 2

Chelsea Bridge

 

Ben Webster

Ben Webster with Strings – 1954, Norgran Records

Ben Webster ist am Tenorsax das Pendant zu Hodges am Altsax. Ein Riesenton, mit allen nur denkbaren Schattierungen. Das Stringarrangement stammt von Billy Strayhorn, am Klavier der erstaunliche Brite Stan Tracey.

Keith Jarrett

Whisper Not - 1999 ECM

Keith Jarrett live in Paris mit seinem legendären Trio um Gary Peacock und Jack DeJohnette.

Ahmad Jamal

I Remember Duke, Hoagy & Strayhorn - Telarc, 1995
Einer sehr langen Solointro folgt die große Kunst des Klaviertrios. Sehr beeindruckend!

Lena Horn

Season of a Life – 2006, Blue Note  (rec. 1993-97)

Die 2010 verstorbene Lena Horn läuft auf ihrem letzten Album mit brüchiger Stimme zu einer ungeahnten Form auf, kongenial von Herbie Hancock begleitet

Tommy Flanagan

Overseas – 1957, Prestige

Schnörkelloser Triojazz im Medium Tempo, sogar mit Doubletime-Feel. Zusammen mit Red Garland und Wynton Kelly einer der großen Stilbildner aus der klassischen Jazzzeit, der 40er und 50er-Jahre.

Player 3

DAY DREAM 

 

Johnny Hodges

Johnny Hodges with Billy Strayhorn and the Orchestra - 1962, Verve

Und weils’ so schön war, auch hier wieder die erste Version mit Johnny Hodges! Das fast vollzählige Duke Ellington Orchestra mal unter Strayhorns Leitung und Namen, mit Jimmy Jones am Klavier.

Ella Fitzgerald
Ella Fitzgerald Sings the Duke Ellington Song Book – 1957, Verve
Von dieser Trilogie ist das dritte Album Billy Strahorn gewidmet, der – so wie ich es hören kann, hier wohl auch Klavier spielt, wobei als Pianisten neben Ellington auch noch Oscar Peterson und Paul Smith, ihr Begleiter,angegeben sind. Ella und Duke war eine besonders fruchtbare Zusammenarbeit.

Tony Bennett

Bennett Sings Ellington: Hot & Cool - 1999, Columbia
Tony Bennett zu Ehren von Ellingtons hunderstem Geburtstag in einem grossen sinfonischen Ambiente, arrangiert von Ralph Burns.

https://en.wikipedia.org/wiki/Bennett_Sings_Ellington:_Hot_%26_Cool

Betty Carter

Feed The Fire – 1994, Verve

Die Version auf dem 1994 live aufgenommenen Album der unkonventionellen Betty Carter mit ihrer sehr eigenen Intonation, die sich zeitlebens allen Konventionen widersetzt hat, beginnt auch genau so. Mit einer sehr langen Intro, das Thema folgt erst bei knapp fünf Minuten. Dabei begleitet wird sie von Gerry Allen.

Archie Shepp

Day Dream - 1989, Denon

Und zum Schluß eine sehr elegische Version mit Archie Shepp am Sopransax, die in der Mitte offener und virtuoser  und gegen das Ende hin wieder lyrischer wird. Mit von Walter Davis am Piano

PLAYER 4

Lush Life

Nat King Cole

The Nat King Cole Story - 1961, Capitol

Nat King Cole hatte dieses schwierige Lied, mit dem langen Vers und mit der ausgeweiteten Form, an dem Billy Strayhorn zwischen 18 und 23 geschrieben hatte, 1949 in einem Arrangement von Stan Kenton-Arrangeur Pete Rugolo als erster aufgenommen. Supertalent Frank Sinatra wollte dieses Lied für Only The Lonely aufnehmen, ist aber daran gescheitert.

Billy Eckstine

No Cover, No Minimum – 1960, Roulette

Ein sehr raffiniertes, live in Las Vegas aufgenommenes Arrangement von Bobby Tucker mit nur vier Bläsern, die perfekt eingesetzt sind und nach viel mehr klingen.

Nancy Wilson
Lush Life  - 1967, Capitol

Da dieser  „Paradesong“ von Strayhorn von der gescheiterten Liebe eines Dandys handelt, der seine Zeit am liebsten in Bars verbringt – dazu fällt mir Ballad of Sad Young Men ein, gibt es von diesem Song nicht so viele weibliche Interpretationen. Nancy Wilson hier sehr dramatisch und bestimmt mit großem Orchester, von Billy May arrangiert und geleitet.

Andy Bey
As Times goes by - 1991, Jazzette

Diese siebenminütige Soloversion mit einer sehr langen Intro ist spannend, harmonisch teilweise sehr gewagt, und sehr farbenfroh. Very special!

Kevin Mahagony
My Romance - 1998, Warner Bros. Records

Ganz anders Kevin Mahagony in einer eher straighten, coolen Version im Duo mit Bob James.

PLAYER 5

My Little Brown Book

 

Duke Ellington & John Coltrane  - 1962, Impulse

Das ist eines meiner Lieblingsalben, wie so viele zu der Zeit, von Rudy van Gelder aufgenommen. Das Zusammenspiel zwischen Ellington und Coltrane ist harmonisch und die davon ausgehende spirituelle Tiefe ist kaum mehr zu überbieten.

 

Roman Schwaller

Three Generations Of Tenorsax, Johnny Griffin-Sal Nistico-Roman Schwaller - JHM (1997), recorded 1985

Der australische Panist Paul Gabrowski bezieht sich in der Einleitung auf Ellington, und der Schweizer Roman Schwaller bringt in dieser Siebenminutenversion seine große Begabung zum Klingen.   

Joe Lovano

On This Day ... Live At The Vanguard  - 2002, Blue Note

Lovano orientiert sich stark an Coltranes Version, spielt sehr verhalten und mit zerbrechlichem Ton. John Hicks ist ihm dabei ein perfekter Begleiter.

Phil Woods

Ballads & Blues - Venus Records, 2009

Phil Woods zusammen mit dem Trompeter Brian Lynch und dem Pianisten Bill Charlap in einer superstraighten Medium-Version.

Sony Rollins 

Reel Life – 1982, Milestone

Rollins in einer  kurzen “elektrischen” Slow Swing- Version mit dem Gitarristen Yoshiaki Masuo, dem E-Bassisten Bob Cranshaw und dem Drummer Jack DeJohnette.