Blog - übersLeben

4.März 2021

Die seltsamsten Sprachen der Welt.

Von Klicklauten und hundert Arten, ich zu sagen.

Von Harald Haarmann.

C.H.Beck

 

Sprachen haben mich immer interessiert. Ich hatte in der Schule altgriechisch und Latein, dann intensiv Französisch, daneben noch ein Jahr romanisch und englisch. Italienisch hatte ich mir 2011 (nach der Aufgabe des Vienna Art Orchestra) beigebracht. Das ist aber gar nichts gegen meinen Vater, der doppelt so viele Sprachen PERFEKT konnte. Ein schönes Beispiel für Vererbung von Bildung, die mit jeder Generation etwas bescheidener wird..:-)

Jedenfalls handelt es sich hier um ein bestens recherchiertes Buch, das einem Sprachinteressierten sehr viel Freude bereitet.

 

Unter den rund siebentausend Sprachen gibt es welche im südlichen Afrika, die Schnalzlaute kennen. Die Koisansprachen (click languages) sind in die Gruppen Koiko (300.000 Sprecher/Innen) Nama (200.000 Sprecher/Innen) und San (90.000 Sprecher/Innen) unterteilt., die sich in Botswana, Namibia, Angola, Sambia und Südafrika finden. Außerhalb von Afrika findet man diese Schnalzlaute nur noch in  Australien. Vermutlich sind sie vor ca. 200.000 Jahren  durch die Hominiden dort hingelangt. Man unterscheidet fünf verschiedene Schnalze: dental (am Zahnfleisch), alveolar (mit Zungenwölbung), lateral - alveolar (seitlich mit Zungenwölbung), palatal (am Gaumen) und bilabial (mit beiden Lippen gebildet).

 

Das Ubychische, eine kaukasische Sprache, die im Kaukasusvorland auf türkischer Seite gesprochen wird, kennt lediglich zwei Vokale, dafür aber 80 Konsonanten, wobei die Vokale sowohl kurz als auch lang auftreten können. Zusätzlich gibt es noch vier verschiedene Laute des "P" oder sechs verschiedene des "Z", die den Sinn der Wörter jeweils massiv verändern.

 

Im Vietnamesischen gibt es sechs verschiedene Tonhöhen, im Chinesischen vier und in Europa gar keine. Mehrsilbige Sprachen kennen genügend Kombinationsmöglichkeiten, einsilbige hingegen nicht. Deswegen braucht es verschiedene Tonhöhen für die Erweiterung des Wortschatzes.

Tonhöhe normal: mai = morgen, fallend: mài = schleifen, steigend: mái = Dach

tief: mąi  = Handel  fallend- steigend: mai = sich bemühen, unterbrochen- steigend: mãi = lange, immer

 

Im Finnischen gibt es drei Vokalgruppen. Die dunklen Vokale (1) "a,o,u" und die hellen Vokale (2) "ä,ö,y" können nie gemeinsam auftreten. Die Vokale "e,i" und die Diphthonge "ei "und "ie" können mit beiden Vokalgruppen kombiniert werden (3).

1: voida/Schnupfen, joulu/Weihnachten, muistaa/Sich erinnern

2: köyhä/Nacht, työtä/Arbeit, käydä/hingehen

3: reipas/flott, hieno/schön, hyvin/gut

Weiters gibt es kein Wort für nein. Dafür gibt es ein Verneinungswort, dass dem komplexen Inhalt entsprechend immer komplizierter und wie ein Verb konjugiert wird: e, et, ei, emme, ette, eivät (ich nicht, Du nicht etc.).

Weiters ist finnisch ein agglutinierende Sprache, die den Wortstamm durch Kasusendungen, Prä- oder Suffixe verändert (Hetki - Moment, Hetkässe - Im Moment). Und als Zugabe gibt es 85 Deklinationsklassen und 45 Konjugationsklassen.

 

Hopi gehört zur uto-aztekischen Sprache, die von. ca. 5.000 Einwohnern im Hopi-Reservat in Arizona gesprochen wird, und die keine Zeitformen kennt. Diese werden mit Hilfe von Adverbien wie "vor langer Zeit", "gerade eben" oder "immer noch" dargestellt.

 

Im Baskischen, einer Sprache, die keinerlei Verbindungen zu anderen Sprachfamilien aufweisen dürfte, gibt es keine Unterscheidung zwischen Maskulinum und Femininum. Und es gibt zwölf verschiedene Fälle, ähnlich wie im Finnischen. Neben dem Dativ und Genitiv gibt es zusätzlich den Prolativ (Ausdruck eines Verhältnis), einen Komativ (Ausdruck der Gemeinsamkeit) , einen Motitativ (Angabe eines Grundes) sowie einen Allativ (Richtungsangabe). Der Nominativ besteht aus dem Absolutiv bei transitiven Verben: Jon (Jon) dator (kommt) und dem Ergativ bei intransitiven Verben: Jon - ek (Jon) ardo (Wein) daka (bringt).  Weitere Ergativsprachen sind z.B. Georgisch, Sumerisch oder Tibetisch.

 

Im Russischen gab es  früher mal ein Verb für "haben", heutzutage gibt es keines mehr. Haben-Konstruktionen werden mit einer präpositionalen Wendung gebildet: u (Präposition bei) menja (Personalpronomen im Genitiv) kniga (Buch, Nominativ), bei

mir ist ein Buch = ich habe ein Buch, u kniga net: bei mir ist nicht Buch = ich habe keines. Und für "sein" gibt es auch kein Verb. Konstruktionen mit dem Existenzverb werden durch eine Nullstelle (ø) markiert: éto (ø) traktor = das ist ein Traktor.

 

Im Thailändischen werden alle Dinge nach ihrer Natur (Mensch, Tier, unbelebtes Objekt), ihrer Beschaffenheit, nach ihren Proportionen (Teil von etwas) oder nach ihrem Status im sozialen Umfeld klassifiziert. So setzt sich das Wort Haus aus "Objekt mit Dach zusammen", der Regenschirm aus "Objekt mit Enden" oder Paket aus "Eingewickeltes Objekt". Man nennt diesen Vorgang auch morphosyntaktische Strukturen, die es in einigen asiatischen Staaten gibt.

 

Die europäischen Sprachen haben den Satzbau Subjekt (S), Verb (V), Objekt (O). Generell gesehen  kommt die Kombination SOV am Häufigsten vor (42%), dann folgen SVO (33%) und VSO (12%). Die seltenste Variante ist OSV, die in nur siebzehn Sprachen vorkommt, eine davon ist Ainu, die auf der nördlichsten Insel im japanischen Inselarchipel gesprochen wird. Das ergibt dann z.B. folgende Sätze: "Großmutter Mädchen zu Geschichten erzählen", "diesen Fisch ich Gräten mit esse" oder "großes Haus in er lebt". Ainu ist mittlerweile praktisch ausgestorben.

 

Es gibt Sprachen, in denen Sätze nicht aus einzelnen Wörtern zusammengebaut werden.Der grammatische Bau von Yupik, einer Sprache der Eskimo-Aleutischen Familie besteht aus überlangen Formen in Wortketten, wie z.B.: tuntussurquatarniksaitengqiggteuq", das die einzelnen Begriffe tuntu-ssur-quatar-ni-ksaite-ngqiggte-uq zu einem einzigen Wort zusammenzieht. "Rentier-Jagd-Zukunft-sagen-Verneinungspartikel-wieder", was soviel wie "er hatte noch nicht wieder gesagt, dass er Rentiere jagen werde" bedeutet.

 

Im afrikanischen Somali gibt es bei den Nomaden, die von der Kamelzucht leben, über zweihundert Ausdrücke für das Kamel, ihre Verhaltensweisen und besonderen Eigenschaften. z.B.: aaran - junges Kamel, awr - Packkamel oder gayax - Kamel, das Milch gibt, sidig - weibliches Kamel, das nicht nur dem eigenen Jungen, sondern auch noch dem eines anderen Kamels Milch gibt.

 

Im Hawaianischen gibt es dafür zahlreiche Ausdrücke für Regen, z.B.: ka ua naulu - plötzlicher Schauer, ma'au - Regen im Wald des Hochlandes oder waikaloa - kalter Regen in Honolulu.

 

Und im Saamischen, das im größten Teil Lapplands, der jenseits des Polarkreises liegt, gesprochen wird, gibt es jede Menge von Worten für Schnee, z.B: äänig - auf kahlen Boden gefallener Neuschnee, der das Verfolgen von Fährten ermöglicht, kerni - Schnee mit dünner vereister Oberfläche oder syeyngis - weicher Schnee, in den das Rentier Gruben graben kann.

 

In Sumer gab es für die Frauen hochrangige Positionen als Oberpriesterinnen. Das schlug sich auch in der Sprache, im Sumerischen nieder, wo es neben der Normalsprache Emegir die Frauensprache Emesal gab, die teilweise unterschiedliche Vokale und Konsonanten verwendete, wobei besonders viele Unterschiede dem rituellen Wortschatz zuzuordnen sind.

 

Im Crow, einer Sprache der Sioux-Familie ist das System der Verwandschafts-terminologie matrizentiert, was bedeutet, dass nur die mütterliche Linie bei den Vorfahren zählt. Die Männer werden über die Frauen definiert, z.B: Frauen von Vaters mütterlicher Linie, Tante: Vaters Schwester, Großnichte: Enkeltochter von Vaters Schwester oder Neffe: männliche Kinder von Männern meiner mütterlichen Linie.

 

Im Japanischen gibt es zwei sehr unterschiedliche sprachliche Stufen: die Familiäre/Informelle (kudaketa nihongo) und die Höfliche (teiniego), die das Präfix o-/go- verwendet. z.B.: Tee informell ist cha und höflich o-cha. Telefon: denwa und o-denwa, werde gesund: daiji -ni und o-daiji -ni. Auch hier gibt es Unterschiede zwischen dem Sprachgebrauch von Männern und Frauen. Die Männersprache nennt sich otoko-kotoba und die Frauensprache omna-kotoba. Entsprechend verändern sich z.B. die Personalpronomen. 

                               Männersprache                          Frauensprache

ich informell      boku                                                     watashi

ich höflich           watashi                                                atakushi

interessantes Detail: was für Frauen informell ist, ist für Männer schon höflich!

 

Khmer,  das in Kambodscha gesprochen wird, kennt unzählige Arten für das Wort 

"ich", dessen Form immer abhängig von Status des Sprechenden und Angesprochenen ist, wobei es noch zusätzlich bestimmte Begriffe wie "ja" gibt, das von Frauen (cah) anders als von Männern (ba:t ) verwendet wird.

Beispiele: knohmkaruna "ich" (sehr höflich), knohmba:t "ich" (nur von Mönchen gebraucht), khnommcah "ich" (von Frauen verwendet), an "ich" (familiär), jen khnom

"ich" (gebraucht von einer Person, die als Repräsentant auftritt).

 

Bei den Uraliern ( finno-ugrische Völker in Nordeuropa & Sibirien) spielt der Bär in der Mythologie zusammen mit einem Vogel ein große Rolle, deswegen darf der Name des Bären nie direkt ausgesprochen, sondern immer nur umschrieben werden. So entstehen dann im Uralischen Bärenbegriffe wie "der Alte aus dem Wald", "alter Liebling", der Alte im Pelzmantel", "der alte Onkel" oder "der mit den Tatzen". Das betrifft auch die Körperteile des Bären: "Holzbock" für Ohr, "Stern" für Auge, "Ameise" für Zunge, "Gürtel des Waldbewohners" für Fett oder "das Schwarze" für Fleisch.

 

Iwrit ist eine künstliche Wiederbelebung des Hebräischen, das bereits in der späten Antike ausgestorben war. Die Alltagssprache im Heiligen Land war Aramäisch. Im 19. Jh. dann wurde Jiddisch zur Alltagssprache der Juden, das sich aber immer mehr mit den jeweiligen Landessprachen, vor allem dem Deutschen vermischte. Es fehlte den Juden also eine eigene Sprache. Der Jehuda, der hebräisch sprechen lernte, hatte jahrzehntelang an der Modernisierung des Hebräischen gearbeitet und war entscheidend an der Etablierung des Iwrit beteiligt, der neuhebräischen Sprache, die sich folgendermaßen zusammen setzt: ca. 8.000 Ausdrücke aus dem Alten Testament, ca. 20.000 rabbinische Wörter, ca. 6.400 Ausdrücke aus der Sprache der mittelalterlichen Literaten, ca. 6.000 aramäische Lehnwörter und ca. 17.000 Neologismen, also neu geschaffene Ausdrücke in den Bereichen Wissenschaft, Technik und Wirtschaft.

 

Ebenfalls eine künstliche Sprache ist Esperanto. Der jüdische Augenarzt Ludwig Leizer Zamenhof (1859-1917) war maßgeblich daran beteiligt und präsentierte erste Fundamente dieser künstlichen Sprache 1905. Die daraus entstandene pazifistische Esperantobewegung wurde von der UNO 1945 lediglich als internationale Hilfssprache, nicht jedoch als offizielle Amtssprache anerkannt. Es dürfte ca. 2.000.000 Esperanto - Sprechende geben, allerdings mit sehr großen Unterschieden. Nur für ca. 1.000 davon ist sie Primärsprache. 75% des Wortschatzes ist dem Lateinischen und den romanischen Sprachen entnommen. 25% der Wortstämme stammen aus dem Germanischen und Slawischen. Substantive enden immer auf "o", bei mehrsilbigen Wörtern liegt die Betonung immer auf der zweitletzten Silbe und es gibt einen bestimmte Artikel "la", aber keinen Unbestimmten. Dimancho (Sonntag) aus dem Französischen, Chielo (Himmel) aus dem Italienischen, Birdo (Vogel) aus dem Englischen, Okulo (Auge) aus dem Lateinischen oder Hundo aus  dem Deutschen.