Blog 2021 - über's Leben

1.4. Sibiriens vergessene Klaviere
 

Ein außergewöhnliches Erstlingswerk der britischen Journalistin Sophy Roberts, die Sibirien auf der Suche nach verschollenen Klavieren bereist und eine Liebeserklärung an dieses Land verfasst hat. Dabei behilflich war die befreundete Pianistin und Komponistin Odgerel Sampilnorov. 

Erschienen  im Zsolay Verlag  2020.

 

Sibirien mit seinen neun Zeitzonen erstreckt sich über 7.000 km von West nach Ost und 3.500 km von Nord nach Süd, bedeckt 1/11 der Landmasse der Erde und wird von einem Eismeer im Norden und der mongolischen Steppe im Süden umgeben. Der Baikalsee ist der tiefste See der Erde und enthält 1/5 des weltweiten Süßwasservorrats. Bereits im 17. Jhd. wurden Verbrecher und Unerwünschte nach Sibirien geschickt, wo auch Trotzki, Lenin und Stalin ihre Zeit vor der Revolution verbracht hatten.

 

Im Train de luxe Sibirien, dem Luxuszug, der zur Zeit des letzten Zaren anfangs des 20.Jhd. von Moskau nach Wladiwostok fuhr, stand bereits ein Bechstein-Klavier. Wegen der, durch Liszt hervorgerufenen Pianomaniekamen im 19. Jhd. unzählige Flügel und Klaviere aus Europa nach Russland. Der Klavierbau in der Zeit befand sich in einer rasanten Entwicklung, 1774 wurde das Instrument du jour vom deutschen Zuwanderer Hannes Zumpe  in London gebaut, von dem auch eines, das Piano anglais an die Zarin geliefert wurde, das man in Pawlowsk bewundern kann. 1821 erfand der französische Klavierbauer Sébastien Érard  die Doppelte Repetition, dazu eine bessere Mechanik, dickere Saiten und bessere Pedale. Eisenrahmen statt Holzrahmen und die Erfindung des Pianinos kamen vom deutschen Klavierbauer Heinrich Steinweg (Henry Steinway). Somit stand der Eroberung der Klaviermusik in den russischen Konzertsälen nichts mehr im Weg. Überall entstanden Klavierfabriken, parallel dazu ein florierender Markt, und das russische Ausbildungssystem übertraf dasjenige im Westen und brachte großartige Pianisten wie Anton Rubinstein oder Sergei Rachmaninoff hervor. Doch auch in Europa herrschte unter den Klavierbauern Goldgräberstimmung. Reisende auf der Grand Tour – junge Männer aus der Oberschicht auf Europatrip – kamen ohne Flügel nicht aus, die jeweils am entsprechenden Ort gemietet oder gekauft wurden. Unterdessen wurden auch immer mehr Klaviere aus Sibirien bestellt, vorwiegend aus russischer Produktion, nur noch selten durften Bechsteins oder Blütners  importiert werden.

Zuvor hatte Katharina die Große (1729-1796) als Mäzenin der europäischen Kultur in St. Petersburg zu einer Blütezeit verholfen. Selbst in Leibeigenschaft geborene Frauen und Männer wurden als Sänger und Tänzer ausgebildet, vor allem um die Leute am Land zu unterhalten. So entstanden ganze Orchester aus Leibeigenen. Für revolutionäre Gedanken, wie sie etwa in Frankreich an der Tagesordnung waren,  hatte die Herrscherin allerdings nicht viel übrig, und jede kleinste Abweichung ihrer Anordnungen – selbst Tabakschnupfen, wurde mit einer Verbannung nach Sibirien bestraft. 

 

Am 14. Dezember 1825 gab es in St. Petersburg einen Aufstand von Adeligen und vornehmen Männern, den Dekabristen, die sich für eine gerechtere Verteilung einsetzen wollten. Also eine ganz seltene Revolution "von oben" für die Rechte derer "da unten". Diese erste russische Revolution scheiterte und Nikolaus I erklärte sich zum Zaren. Die hundert Rädelsführer aus den vornehmsten und gebildetsten Familien wurden nach Sibirien verbannt. Und so gelangten mit ihnen europäische Kultur, Bildung und demokratisches Wissen auf abenteuerliche Art und Weise bis in die hintersten Winkel Sibiriens und hinterließen dort trotz des Gulagwahnsinns bedeutende künstlerische und humanistische Spuren.

 

Maria Wolkonski – in Tolstois nicht vollendetem Roman Die Dekabristen (aus dem dann Krieg und Frieden entstanden ist) beschrieben – folgte ihrem Mann Sergei in die Verbannung und führte auf einem Schlitten ein Clavichord von Moskau bis zum Baikalsee mit. Sie gründeten in Irkutsk eine kleine Akademie mit einer Bibliothek von Tausenden von Büchern, die ihnen ihre Verwandten geschickt hatten. Das Paar hielt Vorträge, unterrichtete Musik, gab Konzerte und förderte die Kinder der dortigen Bauern. So entstand ein reges Kulturleben in der vormaligen kulturellen Öde. Sophy Roberts entdeckte den Lichtenthal-Flügel von Maria Wolkonskis Bruder, einen sehr seltenen Flügel von 1813 des dänischen Klavierbauers Andreas Marschall mit der Seriennummer 5, einen Bechsteinflügel mit der Seriennummer 16862 sowie ein Schmidt-und-Wegener-Pianino mit der Seriennummer 8917.

 

In Kjachta, einer ehemals blühenden und lebendigen Handelsstadt im 19. Jh. – auch das asiatische Venedig des Sandes genannt, von hier aus wurde der Tee aus der Mongolei nach Westen verschifft – lebte die Dekambristenfamilie der Luschnikows, die hier nicht nur für ein reges Musikleben, sondern auch für die Verbreitung von demokratischen und sozialen Werten verantwortlich zeichneten. Darüber hinaus eröffneten sie in Kjachta die erste Druckerei, gründeten die erste Zeitung und spendeten großzügig  für Waisenhäuser, Schulen und sämtliche kulturellen Einrichtungen. Von den Wirren des Bürgerkriegs hat sich die Stadt nicht wieder erholt. Einzige Ausbeute für Klavierforscherin Sophy Roberts bleibt ein Bechstein-Flügel mit der Seriennummer 7050 aus dem Jahr 1874.

 

In Tomsk einer Stadt mit über 100.000 Studenten, eröffnete 1880 der russische Theologiestudent Piotr Makuschin Sibiriens erstes Klaviergeschäft und verkaufte in der Folge mehr als 500 Instrumente. Weiters eröffnete er eine Buchhandlung, eine kostenlose öffentliche Bücherei, ein Waisenhaus, zwei sibirische Zeitungen, ein Theater und ein Haus der Wissenschaften. Eines von Makuschins Instrumenten, ein Diedrichs-Flügel aus dem Jahr 1898 (SN 6583) sowie einen Bechstein aus dem Jahr 1896 konnte Roberts aufspüren.

 

Im russischen Bürgerkrieg Juli 1919 trafen die Weiße und die Rote Armee im Ural aufeinander, was zur Folge hatte, dass die Einwohner von Jekaterinburg 15) Hals über Kopf in über 50 Zügen die Stadt verließen mit all ihrem Hab und Gut, auch mit ihren Flügeln. Man stelle sich das einmal plastisch vor, wie am Westbahnhof 50 Züge in einem unfassbaren Chaos von über Tausend Reisenden in Windeseile mit dem ganzen Hausrat samt Klavieren beladen werden! Der Zug fuhr über die Strecke der Transsibirischen bis nach Tschita, danach auf einer Nebenlinie in die heutige chinesische Millionenstadt, nach Harbin, damals noch russisch, Moskau des Ostens genannt. In dieser kosmo-politischen Stadt gab es Musiklokale, Cabarets, Kinos, Theater und Bordelle, ganz wie in New Orleans. Tatsächlich wurde in dieser russischen Enklave im chinesischen Territorium schon damals Jazz gespielt, der mit den amerikanischen Streitkräften, die am Ende des Bürgerkriegs 1921 Wladiwostok besetzt hatten, in Sibirien Einzug hielt. Eine der besten Musikakademien Asiens sowie dreißig weitere Musikschulen förderten die internationale und lokale Musikszene. Der junge Musiker Oleg Lundstrem gründete 1934 nach dem Vorbild Duke Ellingtons eine Jazzband, welche die am längsten bestehende überhaupt werden sollte. (1934-1998) Hier gibt es ein Video, das man sich nicht entgehen lassen darf; ein Gesamtkunstwerk der besonderen Art! Und hier noch etwas "Seriöseres". Jedenfalls fand in Harbin in den 20ern und 30ern eine Riesenparty statt, wovon sogar die New York Times Notiz nahm. Von all den vielen Klavieren blieb leider nichts mehr übrig, während der chinesischen Kulturrevolution wurden sie 1966 von Maos Roten Garden zu Kleinholz verarbeitet. Alle Spuren der Vergangenheit erfolgreich beseitigt.

 

In den Gulags der Region Kolyma haben von drei Mio. Verbannten nur 500.000 die mörderischen Lager überlebt. Siehe auch Solschenizyns Roman Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch.  In der Stadt Magadan gab es ein Zentrum für Musik und Unterhaltung, das eigentlich der Umerziehung von Musikern und Künstlern dienen sollte, sich aber künstlerisch immer mehr profilierte, nicht zuletzt dank des Kommandanten Eduard Berzin, der eine Schwäche für europäische Kultur hatte.

Auch der berühmte Tenor Wadim Kosin war öfters zu Gast in Magadan, sowohl als Insasse wie auch als Solist. Sein Pianino Marke Roter Oktober aus dem Jahr 1956 (SN 113075) konnte Roberts ausfindig machen, nicht aber seinen Flügel, den sie nur auf Fotos entdecken konnte. Dafür fand sie im städtischen Konzertsaal einen brandneuen japanischen Kawai (SN 2605001), der zuerst von Japan mit dem Schiff nach Finnland, von dort über Riga und St. Petersburg mit dem Zug nach Moskau und von dort mit dem Flugzeug nach Magadan verfrachtet wurde und somit zwei Drittel des Erdumfangs zurückgelegt hatte.

 

Nowosibirsk wurde im 2. Weltkrieg nicht bombardiert, ebenso wenig Russlands größtes Opernhaus, das eine eigene Zufahrt für Traktoren von der Straße direkt auf die Bühne aufweist! In der Zeit seines Baus kamen im "Großen Vaterländischen Krieg" 24 Mio. Soldaten und Zivilisten ums Leben. Am 1. Juli 1941 verließ der erste Museumszug St. Petersburg Richtung Nowosibirsk  um die Kunstschätze vor den Deutschen zu retten. Darunter befand sich auch das kostbare Piano anglais von Katharina der Großen.

 

In Chabarowsk, am östlichsten Ende Sibiriens, sucht Roberts nach einem Stürzwage aus dem 19. Jhd. Der in Finnland geborene Leopold Stürzwage hatte in Moskau, in dem Jahr, als Liszt sein Russland-Debüt feierte, eine Klavierwerkstatt eröffnet, doch dann zog er nach Paris, taufte sich in Léopold Survage um und wurde Maler im Umkreis von Chagall und Kandinsky. Roberts wurde bei einem wohlhabenden Philanthropen fündig. Das Klavier wurde noch vor der Revolution in St. Petersburg bestellt, mit der Transsibirischen bis nach Tjumen und von dort mit einem Schlitten die 250 km nach Tobolsk gebracht und wird noch immer gespielt.

 

Als Sophy Roberts in London um ein russisches Visum ansuchte, wurde sie nach dem Grund ihrer Reise gefragt. Nachdem sie erklärte hatte, ihre Absicht sei das Suchen von Klavieren, wurde sie angeschaut, als hätte sie den Verstand verloren. Hat sie aber nicht; ihre Sibirien-Erkundigungen sind voller spannender Geschichten, Anekdoten, Beobachtungen und lebendig erzählter Geschichte. Nicht nur für Pianisten!

Danke für dieses Buch liebe Aurelia!

Wien, 1.April 2021

mathias rüegg