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08.01.26

Der Klangmagier Jürg Peterhans 
12.9.1950 – 3.1.2026


Es war in der evangelischen Mittelschule in Schiers im Jahr 1968, als ein besonderer Schüler aus dem „Unterland“ nicht in das Internat einzog, sondern in einem gemieteten Bauernhof in der Nähe von Schiers Unterschlupf während der Schulzeit fand, - was „girltechnisch“ natürlich ein Riesenvorteil war, denn im Internat durfte man selbstverständlich keine Mädchen aufs Zimmer mitnehmen - wobei ihn sein Land Rover, den wir alle mehr als „cool“ fanden, in die Schule und wieder zurückbrachte. Ein absolutes Novum … Dazu stellte sich heraus, dass er wie ich Orgel spielte, wobei er eine Farfisa und ich dann später eine Hammond hatte. Später dann hatte Jürg mehr als eine Hammond. Dabei war er sehr erfinderisch und spielte hauptsächlich mit links/rechts - Bewegungen ziemlich groovige Rhythmen.  In seiner Band spielte der junge beliebte Biologielehrer Jessi Montadori sehr gut Gitarre – er hatte mich in die Musik von Miles Davis eingeführt, denn Biologie war nicht so mein Ding - es handelte sich also um die coolsten Cats der Schule! Da konnte ich leider nicht mithalten. Jürg war eine Klasse oberhalb von mir im Gynasium Typus C, also in der naturwissenschaftlichen Abteilung, und maturierte problemlos. Kurz danach begann er ein Praktikum bei Radio DRS als Tontechniker und ermöglichte meiner Band Candellight einen ganzen Tag im hauseigenen Studio, und das kostenfrei. Das ließen wir uns nicht entgehen! Aus diesen Aufnahmen entstand eine „LP“, die Cover machte ich im Linolschnitt mit einer Schulklasse im Werken, und die wenigen Exemplare verschenkten wir. Tatsächlich fand ich letzthin ein eher teures Exemplar auf Discogs. 
 

Danach hatte ich längere Zeit nichts mehr von Jürg gehört bis zum Jahr 1980, als in Maur/ZH das Studio Powerplay von ihm erbaut wurde, das zum damaligen Zeitpunkt zum modernsten und am besten ausgestattete Studio Europas gehörte, in dem auch US-Musiker wie z.B. Prince für längere Zeit abstiegen. Es gibt über dem Erdgeschoss, in dem sich zwei Studios befinden, eine weitere Ebene, mit einem großen Aufenthaltsraum, einer (Jürgs) Wohnung und mehreren Zimmern, in denen ich noch viele Nächte verbringen sollte.  Aber es sollte noch bis zum Jahr 1989 dauern, bis wir zum ersten Mal zusammenarbeiteten, und zwar bei den Alben Blues For Brahms und Highlights, die Jürg in Wien aufgenommen und dann im Powerplay gemixt hatte. Es sollten dann noch 23 (!) weitere Alben folgen, die meisten davon in Wien aufgenommen. Für das Album American Rhaposdy flogen wir im März 1998 nach N.Y. City, um dort die Solisten T.S. Monk, Art Farmer, Joe Lovano und Ray Anderson aufzunehmen. Jürg fand sich in jedem Studio sofort zurecht und mit seiner freundlichen, gelassenen Art und seinem Know-How hatte er nie irgendwelche Probleme mit seinen Mitmenschen. Wir hatten in NYC einen Tag frei und gingen bei warmem Märzwetter in den Central Park, wo wir eine Imbissbude aber ohne Klo - das ich dringend hätte aufsuchen müssen, fanden. Ich fragte Jürg, ob wohl die Polizei kommen würde, falls ich hinter dem „Lokal“ in die Wiese pinkeln würde. Er schaute mich lächelnd an und sagte „aber natürli, was glaubsch Du denn?“ Ich ging hinter die Bude, und keine zwei Minuten später war die Polizei mit Blaulicht da, wie eine Fata Morgana, aus dem Nichts …

Die beste Zusammenarbeit ergab sich bei der Trilogie „3“ im Jahr 2007, hier hat wirklich alles perfekt gestimmt, die Frucht jahrelanger Zusammenarbeit. Aber natürlich war Jürg auch für sehr viele andere Produktionen verantwortlich, u.a. hatte er auch Europe, sowie zahlreiche andere (Schweizer)Bands in seinem Studio aufgenommen. Auf Discogs kann man sich eine Auswahl anschauen. 

 

Mittlerweile besaß Jürg einen Zweitwohnsitz in Italien in der Toscana, wunderbar gelegen und mit fantastischer Aussicht. An jedes Mail von dort hatte er ein Landschaftsfoto angehängt. Auch ich hatte ihn dort besucht, ich kann mich an eine sehr steile Laufstrecke und ein sehr schön eingerichtetes, großzügiges Landhaus erinnern. Auch ein kleines Studio hatte er dort eingebaut, so dass er dort jederzeit editieren und andere Arbeiten erledigen konnte. Der nie verheiratete und kinderlose Jürg wurde dort sehr oft besucht, u.a. auch von meiner Tochter und einigen Freundinnen von mir. 

2007 hatte er wohl sehr viel Geld geerbt und schenkte seinen Freunden und Bekannten in großzügiger Manier jedem  € 50.000.-
 

Wir hatten 2015 noch ein Album mit Lia Pale im Powerplay aufgenommen, aber kurze Zeit darauf zog sich Jürg zurück, vermietete das Studio und lebte hauptsächlich ab da in der Toscana. Bei seinem Bruder David in der Schweiz hatte er ein Wohnung, wenn es da etwas zu erledigen gab.

In den fast sechzig Jahren unserer Freundschaft und Zusammenarbeit habe ich Jürg ausschließlich freundlich, konstruktiv, optimistisch und mit einem Lächeln im Gesicht erlebt. Und das, obwohl er ein unangepasster Freigeist war.
Und beruflich-musikalisch immer inspiriert, entgegenkommend, hoch professionel, und auf dem neusten Stand der Dinge.

Möge er in Frieden ruhen.

mathias rüegg

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