Ironische Autobiographie 1952-1997

Die ersten 20  Jahre (1952-1971)

Am 8.Dezember 1952 erblickten um 0.55 Uhr  3.280.- Gramm Lebendgewicht das Licht der Welt. Urs Meier, unerwünschtes Nebenprodukt eines libidinösen Unfalles zwischen einem Vertreter und einer minderjährigen  Kellnerin, wurde vorerst in einem nicht näher bekannten Kinderheim seinem Schicksal überlassen.

Am 13.Juli 1945 heirateten Robert Rüegg (25, Sohn des Zürcher Industriellen Heinrich Rüegg und der ungarischen Jüdin Margit Braun)  und Annemarie Rusterholz (37, Tochter des Konditors Wilhelm Rusterholz), beide aus sehr unterschiedlichen Verhältnissen stammend.

Infolge der späten Heirat ging der sehnliche Kinderwunsch nicht in Erfüllung, und es erfolgte der Gang in die Adoption. Doch erst nach jahrelangem Prozedere war es schließlich so weit. Robert & Annemarie wurden als Adoptiveltern für fähig befunden. Als gläubige Christen verzichteten sie auf einem Besuch im Kinderheim und baten die Heimleitung, ein Kind ihrer Wahl auszusuchen. So wurde Urs Meier frei ins Haus geliefert und erhielt bei der Übergabe eine neue Identität unter dem Namen mathias rüegg, vorerst allerdings noch groß und mit zwei „t“ geschrieben.

Das Kind gedieh soweit prächtig und genoss eine strenge, aber doch liebevolle Erziehung, die man aus heutiger Sicht als christlich, humanistisch, frühalternativ, gesellschaftskritisch (und all das mit einer kreativen Prise schwarzer Pädagogik versehen) bezeichnen würde. Als Einzelkind hatte es der kleine Matthias natürlich nicht gerade einfach. Und so versuchte er bereits im Alter von zwei Jahren Geschehenes ungeschehen zu machen, indem er sich mit geschlossenen Augen in die Mitte des Zimmers setzte und sich dadurch erhoffte, dass seine Umwelt nicht sehen könne, was er angestellt hatte. Leider hat sich dieses System als untauglich herausgestellt.

Die Eltern, die sich vergeblich als Missionare in Afrika beworben hatten, wechselten des Öfteren den Wohnsitz, und so gewöhnte sich der kleine Spross bereits im zarten Alter ans Reisen. Seine erste Solotournee absolvierte er im Alter von acht Jahren, als er von Landquart nach Lausanne (also ca.400 km) im Zug ganz alleine reisen und in Zürich selbstständig umsteigen durfte, um das geliebte Feriendomizil bei den Großeltern am Genfersee zu erreichen. Die Weite dort stand im krassen Gegensatz zum voralpin gelegenen Dorf Schiers, das eingepfercht zwischen einer Vielzahl von teilweise unwichtigen Bergen hauptsächlich eine (evangelische) Mittelschule zu bieten hatte, an die es den Vater als Lehrer verschlug.

Das große literarische Interesse des Vaters, die musische Begabung der Mutter, die das Klavierspiel ihres geliebten Sohnes genauestens überwachte sowie deren beider große Liebe zur Natur und Desinteresse an allem Materiellen prägten den unproblematischen jugendlichen Heranwachsenden: Keine Drogen, kein Alkohol, kein Nikotin & noch kein Sex sowie mäßige Abhängigkeit von den Beatles, die Haare noch in Kragennähe und die Jeans meist gewaschen.

Eine Initialzündung durch einen Barpianisten mit einer Strideversion von Memories of Heidelberg beeinflussten den 16-jährigen so sehr, dass er noch in derselben Nacht beschloss, Musiker zu werden. Ab nun wird wieder geübt und in den Ferien kräftig, meist beim Förster, für die heißersehnte Hammondorgel gearbeitet. Der erste Gig mit der Rockband LPH (Love, Peace & Happiness) blieb in nachhaltiger Erinnerung, da die Instrumente auf einem offenen, für Tierkadaver spezialisierten Kleintransporter zum Auftrittsort geführt wurden. Der unerträgliche Gestank während des Konzertes bewog den Jungorganisten von der Rockmusik Abstand zu nehmen, um sich fortan dem Kreativ-Adultpop, im Septett mit drei Bläsern und einem Geiger zu widmen. Höhepunkt in der kurzlebigen Geschichte der Gruppe Candlelight war ein selbstgeschriebenes Stück, das zusammen mit dem Schülerorchester, in dem viele Lehrer mitspielen mussten, die diese Art von Musik über Jahre bekämpft hatten, in der Schule dargeboten wurde.

 

Die zweiten 5 Jahre (1972-1976)

Um den Konsens mit den Eltern nicht ganz aufs Spiel zu setzen, erhielt ich 1972 das Diplom als Volksschullehrer und anschließend einen Brief von der schweizerischen Armee, der mit dem wunderbaren Satz endete:

„Ihren geschätzten Äußerungen interessiert entgegensehend.....“ Zum Leidwesen meines Briefpartners sah ich mich außerstande, die Schweiz gegen Russland zu verteidigen - und in meiner Lieblingssportart, dem Eishockey, war ich sowieso Stürmer. Die daraus resultierende Strafe von vier Monaten saß ich im Gefängnis von Realta ab, mit Blick auf die vis-a-vis liegende psychiatrische Klinik, in der man mich als Wehrdienstverweigerer eigentlich lieber gesehen hätte. Als aber meine sonnige Mutter, die mich jedes Wochenende besuchte, endlich begriffen hatte, wie man ein Paket mit doppeltem Boden machte, hatte ich fortan jede Woche vier erlaubte Orangen und 3 Kilo Unerlaubtes in meiner Zelle. Und dazu genügend Zeit, über Sinn und Unsinn im Leben nachzudenken. Da die Schweiz für mich ab sofort in die zweite Kategorie fiel, stand mein Entschluss auszuwandern fest.

So schickte ich je einen Brief an die Jazzschulen Budapest, Wien und Graz. Von Budapest erhielt ich keine Antwort, von Wien nach sechs und von Graz bereits nach drei Monaten. Also packte ich meine sieben Sachen und bestieg 1974 den Nachtzug nach Graz. Im Zollgebäude des Bahnhofes musste ich mein mitgebrachtes Wurlitzerpiano aufstellen und den Donauwalzer spielen, um so einer Verzollung zu entgehen. Da wusste ich, dass ich mich richtig entschieden hatte.

Mein Zimmer (Damenbesuch nicht gestattet) lag etwas außerhalb der Stadt, und die Hausbesitzerin nannte nur noch einen Zahn, einen schmutzigen Bademantel und eine Dauerflasche Schilcher ihr Eigen. Trotzdem verstand ich ihr etwas beeinträchtigtes steirisches Bellen auf Anhieb und zog nach sechs Monaten Nichtdamenbesuch wieder aus und mietete ein ganzes Haus, in dem nur Musiker wohnten, aber nur ich die Miete bezahlte. Als ich nach einer Rückkehr aus der Schweiz in meinem eigenen Bett Filzläuse einfing, legte ich dieses Sozialprojekt vorerst ad acta. Die Jazzhochschule war ein Sammelbecken von hochtalentierten Musikern und ausgeflippten Lehrern, und mit der Einhaltung des Lehrplanes nahm es niemand so genau. Auf jeden Fall war die No Drugs und No Sex Zeit definitiv vorbei, und es gab nicht nur ein Wetteifern beim Üben, sondern auch beim „es-sich-Besorgen“. In meiner ersten Band spielte Charlie Miklin, der jedes Mal beleidigt war, wenn die Kritiken hauptsächlich mich und nicht ihn erwähnten; dafür ist er dann später Abteilungsleiter geworden. Auf einem später gemieteten Bauernhof hatten wir viel Spaß, vor allem dann, wenn Christoph Lauer und Johannes Faber dem adeligen Drummer Brüning von Alten beim Rasieren von hinten zwischen seine Beine griffen und er sich mit seinem schaumverschmierten Gesicht tobend nicht wehren konnte. Erste internationale Tourneen mit Mandala bestätigten mich in dem Gefühl, dass es Zeit sei, diese Stadt zu verlassen, zumal der Dialekt und das Design der Straßenbahnen schwer zu verkraften waren. Erleichtert wurde dieser Entschluss durch eine unbekannte dunkelblonde Dame, die eines Tages vor meiner Tür stand und meinte, es sei Zeit, nach Wien zu kommen. Aha? - und ich folgte ihr. In Wien quartierte ich mich in einem heruntergekommenen Haus am Bauernmarkt ein; meine Mitbewohner hießen zwischendurch Dudli, Känzig & Manndorff, und das Zahlen der Miete fiel wieder mehrheitlich in meinen Kompetenzbereich. Oberhalb, unterhalb, neben oder bei mir wohnten Anarchisten, Lebenskünstler, Visionäre, Weltverbesserer & Hobbyterroristen. Die New Economy gab es ja damals noch nicht... Als jedoch der Bombenbastler im obersten Stock zum wiederholten Male durch Versuchssprengungen im Kamin in meinem Badezimmer für eine 5cm dicke Russdecke gesorgt hatte, dauernd irgendwelche Dealer sich in mein Bett legten und ein Sonderkommando der Polizei die ganze Wohnungseinrichtung zerstört hatte, war es wieder Zeit für einen Ortswechsel. Mit dem Bruder einer Freundin und meinem Hund Willi stritten wir in der Lindengasse um das Hundefleisch; mein ganzes Geld hatte sich wieder mal in einem, diesmal allerdings weiblichen, Sozialprojekt verflüchtigt. Ich spielte dann einmal die Woche Klavier in der Gärtnerinsel und im Cafe Arc und  bekam dafür jeden Abend Speis und Trank umsonst. Ich war beeindruckt vom Fortgang meiner Karriere. Durch ein Missverständnis landete ich im Steinhof; dabei wollte ich dort nur einen Gig ausmachen. Doch die Schweizer Botschaft rettete mich nach einer Woche, allerdings nicht ohne festgestellt zu haben, dass ich noch Militärsteuer nachzuzahlen habe (die ist auch als Verweigerer fällig!).

Nach einer weiteren Wohngemeinschaft, in der das Oberhaupt die Angewohnheit hatte, seine 22,5 cm im Normalzustand täglich auf dem Frühstückstisch zu präsentieren, wandte ich mich vermehrt Hesse, dem I Ging, der Lehre vom Zwölftonspiel und der Radiästhesie zu -  um festzustellen, dass ich a) nicht nur schlecht Klavier spielte sondern b) auch ziemlich unglücklich war. Das fiel auch Fred Jelinek auf, der mich zweimal wöchentlich zum Frühstück einlud und mich mit der Wiener Kunstszene bekannt machte, u.a bestehend aus Otto Kobalek, Hermann Schürrer, Franz Koglmann, Franz West und natürlich Udo Proksch , bei dem ich nie verstanden hatte, warum er in der Jazzspelunke beim Zahlen immer seine Pistole auf die Theke legen musste, wo er doch eh genügend Geld hatte – im Gegensatz zu uns.

Der erste Ausflug mit der Wiener Kunstgesellschaft aufs Land endete in einem Fiasko. Der Besitzer des Bauernhofes zu dem wir hinfuhren, hatte am Vorabend in seinem Wahnsinn versucht, seine Frau mit dem Auto zu überfahren. Und das Fußballspiel am Sonntag in der Früh, bei dem die Kiffer gegen die Alkoholiker spielten (ich spielte damals noch bei ersteren) endete mit Tätlichkeiten von Otto Kobalek an Joe Berger, weil dieser es gewagt hatte, den Fuß zu brechen und somit wohl zuviel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollte.

Ich war also da, wo ich anscheinend immer hin wollte - mitten im sinnvollen Wiener Aktionismus und weit weg vom Unsinn Schweiz.

 

Die dritten 3 Jahre (1977-1979)

Am 19. Mai 1977 sah der heruntergekommene Club der Jazzgitti erstmals ein volles Haus. Auf der Bühne lümmelten unter dem Vorwand Premier Orchestre D’art de Vienne vierzehn Literaten, Kinder, Chaoten und Musiker (u.a. Wolfgang Puschnig, Harry Sokal, Franz Koglmann, Rudi Berger, Gerhard Hermann, Karl Krbavac) herum, offensichtlich von mir dazu angestiftet. Dieses Happening reichte, um fortan den Status einer Underground-Kult-Truppe zu erhalten, wobei sich der Falter schon nach dem dritten Konzert wegen bereits erfolgter Institutionalisierung distanzierte. Die erste Aufnahme, die Single Jessas na wurde deswegen legendär, weil sich Otto Kobalek einen Vierzeiler nicht merken und die Trompeten keine Terzen spielen konnten. Die letzte Zeile des Liedes schleichts Euch ham und hängts Euch auf war eine gezielte Provokation, auf die der ORF nicht hereinfiel: Denn er wusste von der Existenz dieser Aufnahme gar nichts. Das Premier Orchestre D’art de Vienne verbrachte ein weiteres Jahr in Wien und subkulturierte zwischen musikalischem Ehrgeiz, Happening & Wahnsinn. Der Wahnsinnigste von allen Bernd Purchart ging am weitesten (dafür bekam er lebenslang), die Literaten Joe Berger & Hermann Schürrer verabschiedeten sich relativ bald vom Leben, und der Trompeter Hot Otti starb in jüngeren Jahren an Krebs.

Die Band spaltete sich wegen der umstrittenen Plattenpräsentation im Club 45 in zwei Lager (ich war eines davon). Die erste Tournee im Frühjahr 1978 endete mit einem Fiasko, das andere Lager (also ich) wurde am Abend vor der Tour entsorgt und die Band fuhr ohne mich. Das Defizit der abgebrochenen Tour habe ich dann als Sonderschullehrer in der Schweiz, in Kombination mit meinem bescheidenen vorbezogenen Erbe ausgeglichen. Und so kaufte ich mein Orchester wieder zurück und taufte es originellerweise Wiener Art Orchester. Bumi Fian, Herbert Joos, Leszek Zadlo, Christian Radovan, Werner Pirchner, Harry Pepl, Lauren Newton, Uli Scherer, Heiri Känzig & Joris Dudli  stießen zu Sokal, Puschnig und mir. Das musikalische Niveau stieg, und je mehr Musiker auf der Bühne waren, desto weniger waren im Publikum. Meine Defizitausgleichausflüge in die Schweiz nahmen zu, aber die Erfahrungen in der Sonderschule konnte ich auf der jeweiligen nächsten Tournee gleich wieder umsetzen. Die zweite Aufnahme Tango from Obango, unter abenteuerlichen Bedingungen im Schmettersoundstudio aufgenommen, wurde fortan zum Markenzeichen, und das Publikum freute sich diebisch auf Wolfis Ansagen, die meist wichtiger als das Konzert waren. Wir hatten alle viel Spaß und Koglmann versüßte sich den Abgang aus der Band, indem er Harry Sokal während der Pause Schlaftabletten in den Wein schüttete, worauf dieser tatsächlich während des Solos - trotz der vielen schnellen Noten - einschlief und erst nach dem Konzert wieder erwachte. Alle Anzeichen wiesen also darauf hin, dass dieses Orchester nun reif genug war, um die Welt zu erobern.

 

Die vierten 7 Jahre (1979-1985)

Die Energie, das gute Zusammenspiel, die virtuosen Solisten sowie die extrem jungen Musiker verblüfften die Fachwelt und das alternative Publikum. Der Wiener Schmäh, der eigentlich mehr ein Kärntner Schmäh war, entzückte die humorlosen Deutschen, und ich punktete in der Schweiz, in dem ich mich gesellschaftskritische äußerte und ganze Sätze mit vielen richtig verwendeten Fremdwörtern sagen konnte. Dazu hatte ich lange Haare, schaute sehr sanft (und gut) aus und traf den Nerv des Zeitgeistes als absolut hipper und alternativer Bandleader.

Ich wohnte noch immer wie ein Bohemien und versuchte, in einem Chaos von Noten und Korrespondenz, mir Management und Organisation beizubringen. Auf zahllosen kleinen Zetteln erfand ich künstlerische & strategische Konzepte und hielt jede Woche eine Sitzung mit mir selber ab, wie die Welt und die österreichischen Subventionstöpfe am besten zu erobern wären. Es war eine Zeit, in der ich ein großes Mitteilungsbedürfnis hatte, am liebsten von mir selbst redete, beides aber mit gezieltem Charme ganz gut kaschieren konnte. Ich umgab mich am liebsten mit Bewunderern und Jasagern. Denen, die mich (auch wohlmeinend) kritisierten entgegnete ich mit solange mit intellektuell gefinkelten Gegenargumenten, bis diese aufgaben.

Jeder Veranstalter, der etwas auf sich hielt, musste uns zumindest einmal programmiert haben. Hype nennt man das heutzutage. So lernten wir die meisten Autobahnraststätten Europas kennen und konnten nicht genug von unseren eigenen Witzen und dem Neid anderer in Österreich bekommen, wobei vor allem die Jazzprofessoren in Graz nur bei der Nennung meines Namens in aggressive Panik verfielen. Frauen bekannten sich öffentlich dazu, dass sie beim Anhören von Art Orchester-Musik einen besseren Orgasmus bekamen, das deutsche Feuilleton sprach uns mehrfach heilig und in Wien outeten sich André Heller, Peter Alexander und Helmut Zilk als Art Orchester Fans.

Deshalb beschloss ich, das Orchester noch einmal umzutaufen, in Vienna Art Orchestra. Das verstand auch die amerikanische Kritik als Signal, sich unser lobend anzunehmen, während die europäischen linken Blätter befürchteten, dass sich diese Seilgemeinschaft noch lange hält, sich ernsthaft nach dem Gesundheitszustand gewisser Jazzer (also nach meinem) erkundete, oder nichts als Willkür, Sinnleere und Stumpfsinnigkeit orteten. Aber wir hatten Spaß, genossen den Aufstieg und spielten uns gegenseitig – und unserer Gesundheit viele weitere Streiche, wobei jeder an seiner eigenen Legende arbeitete, so gut er das halt konnte. Viel Geld haben wir dabei nicht verdient – aber ausgegeben. Und bei der Mammuttournee 1985 mit 85 Konzerten in 17 Ländern zeigte das Orchester erstmals persönliche, innerbetriebliche und finanzielle Zerfallserscheinungen und das Ende einer konstanten, fast zehn Jahre lange dauernden gleichen Besetzung schien sich abzuzeichnen.

 

Die fünften 7 Jahre (1986-1992) 

Nachdem wir von der europäischen Jazzszene ausreichend geadelt, gesegnet und gebenedeit worden waren, unterlief mir ein folgenschwerer Fehler: I started to believe in my own press. Obwohl ich wusste, dass ein Kapitel zu Ende geht, hatte ich nicht die Kraft und nötigen Fähigkeiten, die richtigen Konsequenzen zu ziehen. So sonnten wir uns noch drei Jahre in unserem Ruhm ohne zu überzeugen. Und meine Kompositionen wurden auch nicht besser... Die Presse vertrat nach jedem neuen Programm drei Meinungen:

  1. Das Art Orchester ist unantastbar

  2. Das Art Orchester ist noch immer so lebendig wie früher und noch immer so gut wie früher

  3. Das Art Orchester war früher viel lebendiger & besser 

Die Meinung d) Das Art Orchester ist noch viel besser geworden als es früher war, existierte nicht und das entging mir tatsächlich.

Ein Mäzen stellte mir ein wunderbares Zweitdomizil auf der Jubiläumswarte zur Verfügung, wo ich mich im Berglauf, Sonnenanbeten, Meditieren und Kochen übte. Aber musikalisch hatte ich mich in einer Sackgasse verlaufen und fand daraus keinen Ausweg. Die Zurück-zur-Naturvariante war also nicht wirklich befriedigend, sowenig wie die jeweiligen Line-Ups, die ich jedes Jahr zusammenstellte. Die Krise des Art Orchesters war also auch eine persönliche, oder war es meine persönliche Krise, die die andere hervorrief? Aber fesch war ich ja noch immer, und im Schönreden war ich nach wie vor kompetent. Die Aufnahmen aus der Zeit fallen heute für mich in die Kategorie Hörstrafe. Ich war der Prototyp eines europäischen intellektuellen Künstlers. Ich war überheblich, konzeptverliebt, antiamerikanisch und unkritisch links. Aber als Privatperson war ich bescheiden, liebte N.Y. City samt Frank Sinatra und hasste die DDR. Und siehe da: es fiel mir etwas auf: Dass ich als Künstler eine Position vertrat, die mit meiner Person & meiner ureigenen Sicht der Dinge nichts zu tun hatte. Ich war nur ein Nachplapperer der artifiziellen, europäischen Besserwisserkunstszene geworden. Bis mir Uli Scherer eines Tages das Buch Die Sieben Geschichten der sieben Prinzessinnen des persischen Dichters Nizami in die Hand drückte. Ich stellte ein Doppelorchester mit sieben Musikern und sieben Musikerinnen zusammen, dazu kamen ein Licht, Projektionen und einfache Choreographien für die Musiker. Und siehe da, es ging ja doch. Ich schrieb eine einfache, aber raffinierte Musik, und alle hatten Spaß. Die Musiker veränderten ihr männliches Verhalten und das ganze gipfelte in einer herzhaften Abschluss-Session unter dem Motto Ich zeig dir deins und du zeigst mir meins. Auf der nächsten Tour fuhren bereits drei Babys mit; insgesamt entstanden im Umfeld dieses Projektes sieben Kinder. Das war die fruchtbarste Produktion, die ich je gemacht hatte...

 

Die sechsten 5 Jahre (1993-1997)

Trotzdem wurden die Sätze Das Art Orchester ist tot oder Wenn der Rüegg so weiter macht, ist er’s auch gleich fleißig weiter kolportiert und sollten mich die nächsten Jahre, genau genommen bis heute, begleiten. Aber lassen wir dieses Kapitel. Nach viel Anfangsglück, einem Hype & einer Krise und der daraus resultierender Lernfähigkeit ist es die letzten zehn Jahre konstant bergauf gegangen und  das Orchester ist dort angelangt, wo es wirklich hingehört: an der Spitze.

Am 7.11.1993 erblickte ein seltsames kleines Wesen das Licht der Welt. Ich könnte nicht behaupten, ein Fan von Babys zu sein, denn die wollen nur eines, nämlich die mütterliche Bar. Und damit können wir Männer einfach nicht dienen. Anschließend dann schon. Nachdem mir vertraut war, wie ein Mann entsteht, hatte ich nun die einmalige Gelegenheit, der Entstehung einer Frau beizuwohnen. Bereits im Alter von sechs Jahren kannte meine Tochter Naima sämtliche Kinderabteilungen in der ganzen Mariahilferstrasse, und der Unterschied zwischen Pimkie und H&M ist mir selbstverständlich geläufig. Ich tauchte tief in Barbies Welt ein und weiß jetzt, dass die Wasserspringbarbie, die Fotomodellbarbie oder die Reiterbarbie nur zweite Garnitur sind und dass man Collectors Barbies nicht ins Kinderzimmer, sondern in den Safe stellt. Ich weiss, dass die Vivienne Westwood Barbie für 5.000.- US-Dollar gehandelt wird und die Islambarbie selbst gestrickte Unterwäsche trägt und anstelle des Freundes Ken einen Bruder hat. Und ich kenne auch die bösen Barbies, die nur das eine im Sinn haben ... Ich habe seit 1995 jeden Kinderfilm gesehen, der auf den Markt gekommen ist und weiß, dass die Amis die besten sind und Disney die Geschichten poetischer als Dreamworks erzählen kann, obwohl Dreamworks sonst alles besser macht. Ich habe gelernt, dass sogar Europäer gute Filme machen können, wenn sie Nick Park heißen und Figuren wie Wallace & Gromit erfinden. Und ich habe Erich Kästner als Kinderbuchautor wiederentdeckt, nachdem ich bei Thomas Brezina an meinem Urteilsvermögen zu zweifeln begonnen habe. Und ich weiß, dass sich Kinder sehr schnell langweilen, wenn die Dramaturgie nicht stimmt. Und ich habe gelernt, dass meine Tochter Britney Spears mehr mag als das Art Orchester, aber das Art Orchester besser findet. Und ich weiß, dass es coole und uncoole Eltern gibt und dass das meist von der Höhe des Taschengeldes abhängig ist. Und ich weiß, dass ich am Theater an der Wien als musikalischer Direktor nichts zu suchen hatte...
 

mathias rüegg

Wien, Dezember 2002

Comment from Suzie: I like the Islam Barbie!