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10.2.

Was die heutige Mode und Facebook gemeinsam haben.

 

Das Jahr 1968 hatte damals auch im Prättigau, dem Bündner Bergtal, in dem ich aufgewachsen bin, begonnen, sanfte Spuren in Form von Blue Jeans, schockfarbenen Socken und Frotteehosen oder Haaren (vorerst) bis zu den Ohrläppchen, zu hinterlassen. Diese lebendigen farbenfrohen Accessoires standen im krassen Gegensatz zu den eher düsteren freudlosen Grau- und Brauntönen der damaligen älteren Generationen, die man mit diesen neuen, von der amerikanischen Hippiewelt beeinflussten „Mode“ so herrlich provozieren und schockieren und seine Pubertät und Adoleszenz entsprechend genießen konnte. Allerdings hatte ich mich dann auch relativ schnell wieder vom Pseudohippietum, sprich Rockage verabschiedet und versucht, für mich eine eigene, von irgendwelchen Modediktaten unabhängige Linie zu finden, was angesichts der immer ärger werdenden Geschmacksverstauchungen in den 80er - Jahren nicht besonders schwierig war. Meinen eigenen Look habe ich dann im Laufe der Jahrzehnte immer mehr zu verfeinern und zu perfektionieren versucht, und bis vor ca. sieben bis fünf Jahren gab es in den Kaufhäusern so alles, was mein Herz, also das eines Außenseiters  wie mir, begehrte. Doch dann änderte sich alles innerhalb kürzester Zeit radikal, zumindest  kommt es mir rückwirkend zeitlich gesehen so vor. Plötzlich gab es in der Herrenmode nur noch eine Farbe, einen Schnitt, ein Design und plötzlich trugen Fünfzehnjährige dasselbe wie Fünfundfünfzigjährige und seither verwandelt sich die Stadt immer mehr in eine Alm mit verirrten oder verwirrten Treckern, für die hinter jedem Haus eine (Schlamm)Lawine lauert.

Düster, grau, lieblos und geschmacklos ist es geworden auf den Straßen der Weltstadt Wien mit der höchsten Lebensqualität weltweit (anders, sprich besser wäre es diesbezüglich z.B. in Mailand, Rom oder Madrid).  Gerade so, als ob wir uns in der düstersten Periode der Menschheitsgeschichte befänden! Eleganz, Stil oder Würde gehören offensichtlich der Vergangenheit an. Das finden u.a. auch meine zwei mit mir befreundeten Modedesignerinnen Susanne Bisovsky  und Dominique Raffa. 

Ähnliche Tendenzen sind beim Design der Autos festzustellen, die sich auch immer mehr gleichen und auf den ersten Blick kaum mehr zu unterscheiden sind. Aber die heftigste Form von Gleichmachung präsentiert Facebook mit seinem unsagbar biederen, hässlichen - sich im Gegensatz zu jeder Homepage nie verändernden grausamen Design, das jede Form von graphischer Ästhetik ausschließt. 
Konkret bedeuten diese Veränderungen, dass es in Häusern wie Peek & Cloppenburg oder bei Kleider Bauer praktisch nur noch einen einzigen Anzug mit einem Schnitt und einer (meist hässlichen) Farbe gibt, Trends, die mir auch die Verkäufer immer wieder bestätigen. Wenn ich also etwas möchte, das nicht zu Hundert Prozent dem herrschenden Modetrend, sprich dem Mainstream entspricht, dann wird es schwierig bis unmöglich. Und im Gegensatz zum dann noch verbleibenden Online-Shopping, möchte man ja manchmal auch gerne einen Stoff angreifen oder etwas anprobieren.

Jedenfalls wird es zunehmend schwieriger sich so zu kleiden, dass man mit individuellem Stil Farbe und Freude in den grauen Alltag bringen und sich damit gegen die triste Gleichmacherei etwas wehren kann. Für mich heißt es deswegen schon seit längerem wieder zurück an den Start ins Jahr 1968 unter „leicht geänderten Vorzeichen“.

Dank der Diktatur der Sneakers sind die Männerschuhe von der Bildfläche praktisch verschwunden. Auch hier bietet sich das gleiche Bild: war es vor sieben Jahren noch möglich, im siebten Bezirk in mindestens fünf Geschäften eine größere Auswahl an eleganten, ausgefallenen Herrenschuhen zu finden, so gibt es heute gar keines mehr. Die Ehre der kreativen Schuhindustrie und meine schuhtechnische Niedergeschlagenheit rettet zum Glück die deutsche, von einem Libanesen gegründete Schuhfirma Melvin & Hamilton - allerdings erst seit ca. zwei Jahren auch mit der entsprechenden Qualität. Seit einem knappen Jahr gibt es nun auch ein eigenes Geschäft in Wien auf der Wollzeile 29, direkt auf dem Weg von der U3 ins Porgy & Bess. Vom Schuh zum Jazz!

 

Wien am 10.2. 2019
mathias rüegg


ps: siehe auch Wien im Sommer