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22.9. Warum ich demokratiepolitisch noch Jungfrau bin.

 

Als ich 1973 die Schweiz Richtung Graz verließ, lag das Stimmalter in der Schweiz bei zwanzig Jahren, 1991 wurde es dann auf achtzehn hinuntergesetzt. Als gerade Einundzwanzigjähriger Wehrdienstverweigerer und damit "Staatsfeind" hatte ich Wichtigeres zu tun, als mich mit Abstimmungen im schweizerischen Staat auseinanderzusetzen. In Österreich angekommen, sah ich dann keinen Grund, mich als Auslandsschweizer in die inneren Belange des 1291 gegründeten Staates einzumischen, und das habe ich bis heute so gehalten. In Österreich hingegen darf ich als Nicht-EU-Bürger nicht wählen. Auch nach dreiundvierzigjährigem permanenten Wohnsitz in Wien nicht. So gesehen, bin ich demokratiepolitisch noch Jungfrau!

1973 in Graz ankommen, traute ich meinen Augen nicht, und konnte kaum glauben, in einer westeuropäischen Stadt gelandet zu sein. Die Stadt samt ihren Einwohnern wirkte dunkel, grobschlächtig und latent bösartig. Es gab damals ein einziges Kopiergerät im Kastner & Öhler, wo eine qualitativ fragwürdige Kopie 10 ÖSch. gekostet hatte. Alles war grau, deprimierend und sehr katholisch. Nur im Underground war es etwas lustiger.

Als ich dann 1976 die Bekanntschaft mit Wien machte, war es nicht viel anders. Auch diese Stadt war trüb, depressiv und hauptsächlich von Pensionisten und Beamten  - mit der Aura einer Stempelmarke versehen, schloss am Samstag um zwölf Uhr und sperrte erst am Montag in der Früh um 07.30 wieder auf. Wie wir das gehasst hatten! Dürfen durfte man kaum etwas, außer überall rauchen. Und über allem wehte ein laues antisemitisches Nazilüfterl, mal bisserl mehr schwarz, mal bisserl mehr rot. Kreisky durfte Simon Wiesenthal als Nazi beschimpfen und Waldheim hatte gar nie realisiert, dass es den zweiten Weltkrieg überhaupt gegeben hatte. Doch dann war 1986 plötzlich Schluss mit lustig und Österreich mutierte von der Opfer- zur Täternation.

 

Udo Proksch narrte die SP-Granden und Haider die ganze Nation. Wir Künstler hatten Spaß dabei und durften staunend miterleben, wie sich eine Nation von Beamten und Bürokraten langsam in einen modernen Staat verwandelte, der zusehends heller und freundlicher wurde. Und aus dem grauen Wien wurde eine der lebenswertesten Städte weltweit. War 1973 die Armut in Graz im öffentlichen Raum noch auf Schritt und Tritt unübersehbar, so hat der fortschreitende  Wohlstand dieses Land auf ein damals nie zu erwartendes Niveau gehievt. Und zwar ziemlich unabhängig von irgendwelchen Regierungskonstellationen. Österreich hat sich nicht unbedingt wegen, sondern tendenziell eher trotz der Politik so prächtig entwickelt. Es sind vor allem die zahllosen Familien- und Kleinbetriebe sowie die Selbstständigen, die diesem Land - trotz permanenter Begehrlichkeitsattacken und in den Weg gelegter Schwierigkeiten von diversen Regierungen, zum Wohlstand verholfen haben. Auch wenn zugegebenermaßen noch Einiges im Argen liegt.

 

Aber dieser äußerst gehässige Wahlkampf, in dem es kaum um Sachthemen, sondern meist – mit einem latenten Bürgerkrieg im Kopf, um das Beleidigen und Anschwärzen des Gegners/Gegenüber– geht/ging, ist dieser modernen Nation nicht würdig.

 

Dass allerdings keine einzige der sechs Parteien Kunst und Kultur auf ihrer Agenda hat, bedeutet für einen Künstler wie mich, dass Kunst, bzw. Kultur keinerlei politische Relevanz haben. Deswegen würde ich, selbst wenn ich könnte, keine der zur Verfügung stehenden  Parteien wählen.

Aber trotzdem mit Spannung mitverfolgen, wie sich das Land weiterhin verändern wird.

Vielleicht unter einer türkis-grün-pinken Koalition, sofern es die Grünen nicht wieder vermasseln wie 2002.

 

mathias rüegg

 

ps: und nachdem es in der Politik meistens um zwei konträre Grundhaltungen wie links/rechts geht, hier ein paar radikale Ansichten von Künstlern und Intellektuellen um die Jahrhundertwende, die laut Michel Onfray, einem französischen Philosophen und Atheisten,  die Destruktivität der zwei Weltkriege in der Kunst bereits vorweggenommen hatten. Sein eindrückliches Buch heißt „Niedergang. Fall und Aufstieg der abendländischen Kultur von Jesus bis Bin Laden“.

Danke an Christoph Baumann für den Buchtipp!

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