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17.3. The Green Book

 

The Green Book (Regie: Peter Farrelly) ist ein berührender Film über die Freundschaft zweier Männer anfangs der 60-Jahre in den USA, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Der eine - Don Shirley dargestellt von Mahershala Ali, ist reich, gebildet, schwarz, extravagant, homosexuell und Pianist, der Klassik und Jazz auf eine sehr spezielle Art und Weise verbindet, der andere – Tony „Lip“ Vallelonga, ebenfalls eine reale Figur, dargestellt von Viggo Mortensen, ist ungebildet, ungehobelt, weiß, verheiratet und rassistisch, der Don Shirley als Fahrer und Mädchen für alles auf einer Tournee durch den rassistischen Süden, wo Shirley im Trio mit Bass und Cello hauptsächlich vor einem weißen Upper Class-Publikum auftritt, begleitet. Der aus politischen Gründen von vielen Seiten angefeindete Film, handelt aber nur nebensächlich von Rassismus. Hauptsächlich geht es um die Beziehung zwischen diesen beiden grundverschiedenen Charakteren, die poetisch, sensibel und humorvoll dargestellt wird. So, wie es eben nur das amerikanische Kino kann. Dafür gab es auch drei Oscars heuer, inklusive den für den besten Film!

Don Shirley selbst (1927-2013), ein mir bis dato unbekannter Pianist, der bereits als 18-jähriger mit den Boston Pops und Tschaikowskys Klavierkonzert No 1 debütiert hatte, erging es nicht viel anders als den meisten schwarzen Klassikern. Sie wurden aufgrund ihrer Hautfarbe nicht zum klassischen Konzertbetrieb zugelassen, folglich wurden sie Jazzmusiker. Wobei Don Shirley sich genau dazwischen, also zwischen Komposition und Improvisation bewegt. Hier gibt es ein seltenes Dokument, wo man ihn spielen sehen kann. Gegen den Schluss hin wird Gerswhin’s The Man I Love immer virtuoser und klassischer. Dasselbe passiert auch in High The Moon. Man beachte besonders, was ab ca. 4:25 so alles an pianistischen und rhythmischen Unglaublichkeiten passiert. Und sehr spannend ist Orpheus in The Underworld (1956), wo er Keith Jarrett’s Melody At Night praktisch schon vorwegnimmt.

Ich finde übrigens, dass die Musikauswahl im Film dem Musiker und Pianisten Don Shirley nicht wirklich gerecht wird, was mich  verwundert, denn schließlich zeichnet der exzellente Pianist Kris Bowers dafür verantwortlich. Und der sollte es ja eigentlich wissen... Aber vielleicht der Regisseur ja nicht?

 

Neben Don Shirley fällt mir der klassische Geigenvirtuose Will Marion Cook (1869 – bis 1944), ein, u.a. Schüler von Antonin Dvorak, der  am Oberlin College zugelassen war und in der Folge an der Berliner Hochschule studiert und dort auch den jungen Richard Strauss kennen gelernt hatte  (Quelle: The Rest Is Noise/Alex Ross), die erste afroamerikanische Musikkomödie schrieb, ein Förderer Duke Ellington’s war und statt klassischer Violinkonzerte schließlich mit seinem New York Syncopated Orchestra, mit dem er schon 1910 Europa bereist hatte, vorlieb nehmen musste.

 

Ebenfalls erwähnenswert in diesem Zusammenhang wäre Nina Simone, die zuerst klassisch Klavier an der Juilliard School in YNC studiert hatte, den Abschluss in Philadelphia aber dann aus rassistischen Gründen nicht mehr machen konnte. Sie selbst nannte ihre Musik Black Classical Music, und mit ihren polyphonen barockorientierten Improvisationen hatte sie ihren eigenen Stil geschaffen, den der kürzlich verstorbene französische Pianist Jaques Loussier übrigens auch versucht hat, allerdings mit viel flacheren Improvisationen als Nina Simone.

 

Gerade läuft auch ein zweiter Film, nach einer Romanvorlage von James Baldwin

If Bale Street Could Talk (Regie: Barry Jenkins), in dem es um eine Liebesbeziehung eines jungen schwarzen Paares anfangs der 70er Jahre in Harlem geht, dessen Existenz durch ausufernden Rassismus auf eine harte Probe gestellt wird. Ich hatte das Buch im letzten Sommer gelesen und finde die Literaturverfilmung sehr gelungen. Sie besticht durch extreme Langsamkeit, manchmal hart an der Grenze – aber das ist Absicht. Dadurch bekommt die Geschichte eine eigene, beinahe quälende Dynamik  und vermittelt auf sehr unkonventionelle Art und Weise (inklusive einiger inhaltlicher Änderungen) Baldwins Botschaft, dass die Liebe stärker als alles andere ist.
 

Und weil es so schön ist, zum Schluss noch drei Empfehlungen: Pianistin Hazel Scott (1920-1981) spielt wie der Teufel - man beachte ihre linke Hand ab 1:11, und versprüht dabei eine unglaubliche Lebensfreude. Genau dasselbe tun auch Martha Davis (1917-1960) und Dorothy Donegan, hier mit Cab Calloway (1924 – 1998). Drei Mal Chapeau!!

mathias rüegg

 

31.3.

Von Milton Babbit bis Virgil Thomson. Unbekannte amerikanische Avantgarde-komponisten des 20. Jahrhunderts.