12.5. Warum ich den siebten Bezirk nur ungern verlasse!

 

Ich wohne seit ziemlich genau dreißig Jahren in der Westbahnstraße und habe miterleben dürfen, wie sich dieser damals entsetzlich heruntergekommene Bezirk in eine lebensfreudige und lebensfreundliche urbane Oase verwandelt hat. Und wenn man so lange am selben Ort wohnt, dann kriegt man, ähnlich wie einem Dorf  - wo ich aufgewachsen bin, vieles mit und kann sich über Veränderungen freuen, sie vielleicht sogar ein wenig mitgestalten. Jedenfalls wird der Verkehr in Neubau immer weniger und ich warte ungeduldig auf den Tag, an dem es keine Parkplätze mehr, sondern stattdessen Bäume, Pflanzen, Sitzgelegenheiten und anderes geben wird. Denn bezüglich Grünflächen hätte der 7. Bezirk Nachholbedarf. Die Fassadenbegrünung steckt leider noch in den Kinderschuhen, trotz zwanzigjähriger Alleinregentschaft der Grünen. Allerdings gibt es unter dem neuen Bezirksvorsteher Markus Reiter - den ich übrigens das erste Mal überraschenderweise vor meiner Haustüre beim Polieren der Gedenktafeln für die jüdischen Deportieren und Ermordeten getroffen hatte!, in der Zollergasse seit diesem Jahr ein neues löbliches Klima-Vorzeigeprojekt "Die kühle Meile". Aber sonst gibt es praktisch alles im Siebten, mit Ausnahme des Porgy & Bess und des Melvin & Hamilton Shoe Store in der Wollzeile 29.

 

Ich wäre also beinahe für die Wiedereinführung von Bezirkszöllen, aber glücklicherweise kommen auch so fast keine Touristen in den Siebten, sieht man von mehr oder weniger kulturinteressierten Städtetouristen ab. Wobei der Siebte für mich mit der Burggase (nach Osten gesehen) aufhört, was natürlich nicht ganz korrekt ist..:-)

Ich fange mal mit dem an, was man so täglich braucht, obwohl es im Siebten überwiegend Geschäfte, sprich Kleinstunternehmen gibt, die Dinge herstellen, die man eher nicht so braucht. Was wiederum auch seine Qualität hat.

Als Anzugträger und Schuhliebhaber brauche in einen guten, zuverlässigen Schneider, Schneiderei Tayfu,  Westbahnstrasse 7 und einen Schumacher, der mir jedes neu gekaufte Paar Schuhe mit einer Gummisole versieht: der Schuhmacher, Neubaugasse 51.  Rotknopf  stellt Massanzüge zu einem sehr günstigen Preis her - ich habe zwei davon, und die Stoffe kann man sich beim Komolka um’s Eck  selber aussuchen. Anzüge müssen auch gereinigt werden und das ist nicht so ganz einfach, wie es sich herausgestellt hat, wobei ich mit der Reinigung in der Kaiserstrasse 50 halbwegs zufrieden bin. Direkt unter meinem Büroraum befindet sich Hohoff Hair,
dessen schönste und kompetenteste Frisörin Nicole mir manchmal die Spitzen schneidet. Lange Haare trage ich durchgehend seit meinem 19.Lebensjahr, und da darf /durfte nie niemand eingreifen.

 

Manchmal braucht man im Leben nützliche Dinge wie z.B. exquisite Lampen. Katharina Franke, die Inhaberin von Franke Leuchten hat sie alle und ist zusätzlich sehr engagiert im Bezirk und hat immer tolle Ideen. Und manchmal braucht man auch sinnlose Dinge, und dafür gibt es einen super Second Hand Shop in der Neubaugasse 15: Ramsch und Rosen.

Als Vegetarier und Abstinenzler brauche ich nicht sehr viel zum Leben, wohl aber Vollkornbrot, am besten das von der Bäckerei Felzl reifes Obst und frisches Gemüse von Tonis Genussladen. Den Rest besorg ich mir seit sieben Jahren beim Hofer, nachdem eine Verkäuferin beim Spar festgestellt hatte, dass es für sie nicht nachvollziehbar sei, warum ich soviel Geld für so einen mikrigen Einkauf bezahle, und anschließend nochmals alles kontrolliert hatte.

 

Und eine gute kleine Bank mit Kundenkontakt steigert die Lebensqualität ebenfalls, deshalb bin ich nun seit zehn Jahren in der Oberbank, nachdem die Bank Austria den Sponsorvertrag mit dem Vienna Art Orchestra 2008 nicht mehr verlängert hatte. Trotzdem bin ich der BA zu großem Dank für ihre langjährige Sponsortätigkeit unter Gerhard Randa beim VAO, dem Hans Kollerpreis und beim Porgy & Bess verpflichtet! 

 

Ebenfalls gleich um’s Eck in der Westbahnstrasse 28 regiert die Fahrradindustrie mit ig-fahrrad  und Elektrobiker.  Ich selber ziehe das Gehen und Laufen dem Fahrradfahren allerdings vor. Wer kann von sich kann schon behaupten, dass er im Umfeld von maximal sieben Minuten zu Fuss – drei davon sogar im Umkreis von 150 Metern !!  NEUN(!)Vinyl/CD-Läden und zwei Swingerclubs vorfindet? Der beste Schallplattenladen ist wohl der Schallter in der Westbahnstrasse 13 bei dem auch Walter Gröbchen/Monkey Records mitwirkt. Mord und Musik in der Lindengasse ist nicht weit weg von einer kleinen Buchhandlung, wo es die schönen Vagina-Malbücher aus den 70er Jahren gibt. Und wenn wir grad dabei sind: Das Frivoli, das von außen eher wie ein Kindergarten ausschaut, ist der bessere der beiden Swingerclubs. Das neu eröffnete Unique in der Kandlgasse 26 (ehemals Hollywood) wäre der andere.

Und hier die restlichen Vinylläden: market vinyl, Westbahnstraße 22 / Zieglergasse 40, Substance, Westbahnstraße 16, Black Monk Records, Neubaugasse 51, Seven Star Records, Siebensterngasse 9, Das Lokal - Café und alte Medien,  Richtergasse 6

Lindi's Schallplatten Laden, Burggasse 79 & Moses Records, Lerchenfelderstrasse 33 
Und praktisch vis à vis hat die entzückende "Blumenfee" Brigitte Aigner ihr Geschäft, die einmal im Jahr meine Pflanzen besuchen kommt, ihnen gut zuredet oder wenn nötig, auch mal mit ihnen (oder mir) schimpft!

Die Theaterlandschaft hält sich in Grenzen, das Paradehaus ist das Volkstheater (wo einmal im Jahr die sinnloseste österr. Musikveranstaltung, der Amadeus stattfindet), mit dem sich die Kulturpolitik im Moment grad etwas schwer tut. Daneben gibt es das Kosmostheater,  unterdessen weniger im feministischen Underground als früher – vor 20 Jahren hatten wir vom Porgy & Bess mit Intendantin Barbara Klein, die damals das Rondell (das heutige Porgy) besetzt hatte, um das Haus in der Riemergasse gestritten, das dann bekanntlich ans Porgy ging, und Klein bekam das Kosmos Theater. Weiter gibt es noch das Off Theater in der Kirchengasse 41, wo es viel Experimentelles gibt. Und last but not least das  Theater der Jugend, das einzige seinesgleichen in Wien.

Musik-/Konzertlokale sind eher dünn gesät. Im Hinterzimmer des Kulturzentrum 7Stern gibt es fast täglich Livemusik.  Im atmosphärischen Theater am Spittelberg präsentiert die rührige Nuschin seit vielen Jahren ohne Subventionen hauptsächlich Vokales . Ein ganz heisser Tip ist das Cafe Bellaria in der Bellariastraße 6, eigentlich schon im Ersten, wo es jeden Montag eine Session mit klassischen Sängern auf fast jedem Level gibt. Unbedingt empfehlenswert.

Und wer gerne Jazz hört – solche Leute soll es offensichtlich noch geben, der geht am besten in Andys Sofa in der Lindengasse 3sofern er denn auch trinkfest ist (war ich früher mal!). Dafür legt Andy erstklassig auf!

Und gleich ums Eck in der Museumstrasse 3, ein Kino wie aus einer anderen Zeit, das Bellariakino, das hauptsächlich von Nostalgikern besucht wird. Und weil die Westbahnstrasse auch Fotostrasse genannt wird, reiht sich im oberen Teil ein Fotogeschäft an das andere; und alle sonnen sich im Glanz der Galerie Westlicht 

Eine andere Galerie gehört der Russin Elena Mildner in der Burggasse 21, einem echten Original. Und meine Lieblingsbuchandlung heisst Hintermayer in der Neubaugasse 29 mit einer verrückten Schweizerin, die grundsätzlich nur Schweizerdeutsch mit den Kunden spricht.
 

Meinen Yamaha- Flügel stimmet Michi von den Klaviermachermeister aus der Burggasse 27, und wenn uns beim Proben ein “Glöggli” oder ähnliches fehlt, dann holen wir das schnell aus dem World Music Store in der Westbahnstraße 4. Und in der Klaviergalerie in der Kaiserstrasse 10  gibt es Vieles für Pianisten und sonstige Musiker, angefangen bei den Probreäumen. Und das weisse Open Air - Klavier Ecke Kaiser/Mariahilferstrasse stammt auch von dort.

Und ich hätte drei Hoteltips. Für relativ wenig Geld gibt’s gleich bei mir ums Eck das Hotel am Brillantengrund, wo ich unterdessen auch unsere Solisten wie z.B. Joris Roelofs   unterbringe. Und man könnte dann ja schnell zu mir auf einen Kaffee kommen.

Ein anderes, aber kostspieligeres Juwel ist das Hotel Altstadt mit einer unglaublichen Hotelbar, wo man sich die Drinks selber mixen kann und wohin ich am Abend  öfters mal lesen gehe. Von Schauspielern und Künstlern bevorzugt, sehr internationale Klientel. 

Aber das absolute NonPlusUltra ist das unscheinbare Schreiners in der Westbahnstrasse 42, das Restaurant ist ebenso unglaublich. Hat aber nur vier Tage in der Woche (Di-Fr) offen und ohne längerfristige Reservierung ist gar nichts zu machen. Ein kaum zu überbietender Gastgarten. Alles zum Träumen!

 

Und im  Hotspot Museumsqartier - ach was waren das für schöne Festwochenproduktionen in den Achtzigern!, befindet sich auch das Restaurant die Halle mit hervorragenden vegetarischen Speisen.

 

Das Weggehen am Abend ist für nicht mehr so einfach ohne Alkohol. Wenn überhaupt, dann gehe ich abends eine Stunde Lesen, zb. ins Galerie-Bar Damani in der Zollergasse 15 (in der berüchtigten "Kinderpartystrasse" ) oder ins Siebenstern, nebst dem Hotel Altstadt. Zum kultivierten draussen Sitzen gäbe es etwa den Hof im Café Latte, den wohl schönsten Innenhof im Amerling Beisl (hier war ich 1978 für das Musikprogramm verantwortlich und mit dem Art Orchester hatten wir 1979 im Hof gespielt!) oder das Epos in der Siebensterngasse 13. Siehe auch meinen Blog Wien im Sommer 2018.

 

Und schließlich würde ich gerne noch ein paar Esslokale anführen, auch wenn ich heute nur mehr selten auswärts esse. Einen wunderbaren Spittelburger gibt es im veganen Tian, ehemals Lux - Schrankgasse 4,  im Spear in der Neubaugasse 15  oder im vegetarischen Swing Kitchen in der Schottenfelgasse 3 mit der gleichnamigen Musik!  Genüssliche Tapas im leider manchmal etwas lauten im Der Fuchs und die Trauben in der Kandlgasse 16. Natürlich gibt es auch noch Dagmars 1070, einst ein Musikertreffpunkt mit “High Life” in der Gutenberggasse 28.

Und für Süsse hätte ich zwei Empfehlungen: die Gelateria La Romana in der  Stiftgasse 15-17 und das Tart'a Tata in der Lindengasse 35 mit unglaublichen Eclairs und sonstigen original französischen Naschereien.

 

Und für alle Altfreaks zum guten Schluss noch zwei Lokale, original aus den frühen 70er Jahren: das Vodoo in der Siebensterngasse 35 sowie das Benzin und Groove in der Bandgasse 13, also direkt bei mir ums Eck, wo ich aber noch nie drinnen war..:-)

 

Und weil das alles so schön und erfüllend ist, bleibe ich am liebsten hier, und wechsle den Bezirk nur in Notfällen. Leider ist der Westbahnhof zum  Lokalbahnhof degradiert worden.

mathias rüegg

ps: die Mariahilferstrasse habe ich weg gelassen und alle Fotos  stammen vom 11.5. Alle genannten Lokalitäten sind in meinem Umkreis von max. zehn Gehminuten.