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23.6. Zorica, meine "Reinigungsfee"

 

Es ist schon eigenartig, dass man oft über viele Jahre mit Menschen zu tun hat, ohne Genaueres von ihnen zu wissen oder sich für sie zu interessieren. Sie sind einfach da, ein Zustand sozusagen. Nachdem Zorica Makuljević nun seit genau dreißig Jahren bei mir als Reinigungskraft arbeitet und meine Wohnung besser kennt als irgendwer sonst, will ich das mit diesem kleinen Portrait über sie  versuchen zu ändern. Zorica kam am 1.1.1954, zwei Jahre nach ihrem Bruder Miroslav, als Tochter von Vlastimir und Zlata in dem kleinen serbischen Dorf Neresnica – ziemlich gleich groß wie Schiers  , wo ich aufgewachsen bin, zur Welt. Kurz nach der Absolvierung von acht Grundschuljahren lernt sie ihren ersten Mann Ljubiša, der im selben Steinbruch wie ihr Vater arbeitet, kennen, den sie mit achtzehn heiratet, um sich nach sieben Jahren wieder von ihm scheiden zu lassen. Eine zweite Heirat erfolgt 1977 mit dem Handwerker Bogdan, mit dem sie im selben Jahr nach Wien zieht und der hier 2015 verstorben ist. Die Männer in ihrem Leben dürften wohl keine große Erfüllung gewesen sein, die Liebe nur ein Wort. Deswegen ist sie jetzt froh, Freundinnen zu haben, mit denen sie Dinge gemeinsam  und auf Urlaub fährt. Für Männer muss man immer nur arbeiten und das will sie nicht mehr, meint Zorica, mittlerweile österreichische Staatsbürgerin. Seit über vierzig Jahren hat die Vierundsechzigjährige mit drei kleinen krankheitsbedingten Ausnahmen praktisch durchgehend und jeden Tag gearbeitet. Davon dreißig Jahre lang u.a. im ehemaligen Squashclub 19 und seit ebenso vielen Jahren als Hausbesorgerin im dritten Bezirk. Deswegen gibt sie als liebste Freizeitbeschäftigung „Schlafen“ an. Mit ihren sauer verdienten Ersparnissen  hat sie sich in ihrer Heimatgemeinde, die übrigens vom Jugoslawienkrieg verschont geblieben ist, zusammen mit ihrem Mann ein Eigenheim mit sechs Zimmern erbaut, wo jetzt der Sohn ihres Bruders mit seinen zwei Buben, drei Monate und zehn Jahre, lebt. Leider war Zorica das Glück einer Mutterschaft nicht beschieden, umso mehr liebt sie ihre zwei Neffen, denen sie ihr Haus bereits vererbt hat. Auch meiner Tochter Naïma gegenüber war sie immer sehr angetan und ist immer äußerst liebevoll mit ihr umgegangen. Und weil Zorica Kinder liebt, stellt sie von Beginn an jede Woche – seit drei Jahren zweiwöchentlich, Naïmas ehemalige Kuscheltiere verschmitzt zu einem neuen Arrangement zusammen, und auch sonst gibt es jedes Mal kleine liebevoll umgestaltete, unerwartete Überraschungen. In jedem Menschen steckt irgendeine Form von Kreativität!
Als Kind hatte sie gerne gezeichnet, das dann aber – nicht gefördert, nicht mehr weiter geführt. Das Lesen hatte Zorica nie für sich entdecken können, für Filme, Theater, Konzerte oder TV hat sie sich nie interessiert und mit Politik will sie nichts zu tun haben. Sie verrät mir auch nicht, wen sie wählt, wenn überhaupt. Ich weiß es aber trotzdem..:-)

Aber sie hört gerne serbische Volksmusik, war sogar einmal in einem Konzert des Vienna Art Orchestra und sie mag Julias  Stimme besonders gern. Ihr Leben scheint sehr gleichförmig, ereignisarm und wohl auch etwas freudlos verlaufen zu sein, ein wenig so, wie man das vielleicht aus manchen Beschreibungen von Frauenschicksalen des 19.Jahrhunderts kennt.

Vor Kurzem musste sie wegen hohen Blutdrucks und Zucker ihre Ernährung von „ungesund“ auf „gesund“ umstellen. Also weniger Fleisch, Fett und Zucker, dafür mehr Obst und Gemüse und Hülsenfrüchte. Der Nebeneffekt „Abnehmen“ macht ihr Spaß, und überhaupt war die Umstellung für die Abstinente kein Problem. Für die meisten Leute, vor allem für Männer in dem Alter, wäre das eines.

Auf die Frage, was sie in ihrem Leben gerne anders gehabt bzw. gemacht hätte, fällt ihr keine spontane Antwort ein. Aber dann folgt, sie hätte gerne weniger gearbeitet und dafür ein bisschen mehr verdient. Dass sie keine eigenen Kinder hat, schmerzt sie noch immer.

Zorica hat sich in den dreißig Jahren bei mir kein einziges Mal beschwert, sie war immer gut gelaunt, loyal und zuverlässig wie ein Uhrwerk – „schweizerisches“ sage ich nicht, weil ich jetzt sehr böse auf die Schweiz bin!!* und hat meiner Wohnung durchgehend den nötigen Glanz verliehen. Sie hat sich selber nie wichtig genommen, war immer bescheiden, dafür  stets mit einem kleinen Schalk im Nacken. Ganz besonders angetan von ihr sind meine Zimmerpflanzen, die sich unter der Regie ihres grünen Daumens zu einem veritablen Urwald gemausert haben. Und einmal im Monat geht die „Gärtnerin“ in ihre griechisch-orthodoxe Kirche ums Eck und zündet ein paar Kerzen für die Toten und die Lebenden an. Ob sie selber nach dem Tod in irgend einer Form weiterleben wird, glaubt sie aber eher nicht.

Nach einer Lebensweisheit befragt, meint sie „Die Guten sterben früh und die Bösen leben lang“. Als ich sie darauf hin aufmerksam mache, ob sie denn, also nicht mehr jung, eine Böse sei, hielt sie kurz inne, lächelte und meinte: „Nein, ich bin eine Gute!“

Liebe Zorica, ich da gebe Dir gerne Recht, das finden wir alle auch..:-)

 

mathias rüegg

 

 

* weil ich im Wikipediaeintrag von "Schiers" nicht unter „Söhne und Töchter“ stehe.

   Tatsächlich wurde das nun geändert nach Intervention eines "Fans" :-))