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Ich werde jeweils im Abstand von zwei Wochen zwei Mal etwas Positives berichten und beim dritten Mal dann ein wenig über die Auswüchse des Zeitgeistes "lästern"..

28.2.2019

Die Bedeutung der Jazzmusik in T. C. Boyle's neuem Roman* Licht

 

Am späten Nachmittag des 5.Juli 1974 bin ich vom Strand unseres Familienanwesens in Villette am Genfersee ziemlich weit hinausgeschwommen, wobei der See plötzlich wie eine Scheibe gekippt ist und ich zu meinem Erstaunen abwärts zurückschwimmen konnte. Mit dieser erstaunlichen Erfahrung bin ich dann kurz danach zum Jazzfestival Montreux gefahren, wo ich Zeuge eines unglaublichen Konzertes des Thad Jones – Mel Lewis Orchestra’s mit der jungen unbekannten Dee Dee Bridgewater wurde, das sich immer mehr in ein nicht enden wollendes Farbenmeer samt faktischem „Einssein“ mit dem Universum verwandelt hatte.

T. C. Boyle’s neuer Roman* Licht handelt vom Schweizer Albert Hoffmann erfundenen LSD (Lysergsäurediethylamid) und dessen Hauptprotagonisten Timothy Leary, der als „Wissenschaftler“ die „positive“ Wirkung des LSD zuerst in einer Kommune in Mexico und dann in Millbroock (1962/63) testen will, dabei den Status eines Sektenführers erlangt – besonders problematisch die Einbeziehung der minderjährigen Jugendlichen in die „LSD-Therapien“, mit der Zeit immer tiefer sinkt und schließlich mitansehen muss, wie sein Experiment von Selbstfindung und Befreiung kläglich scheitert. Zuvor konnte er allerdings noch jede Menge Künstler für seine Ideen begeistern, neben Alan Ginsberg und Aldous Huxley auch die Jazzmusiker Maynard Ferguson, dessen Frau in Learys Kommunen lebte, oder Charles Mingus.

Als kleine, aber interessante Nebenhandlung, beschreibt Boyle die Veränderung der amerikanischen Gesellschaft am Beispiel der Veränderung der Musikauswahl bei den vorerst wöchentlichen, später allabendlich stattfindenden Drogen- und Sexparties. Werden anfänglich noch Lonely Women mit dem Modern Jazz Quartett, Coltranes Version von Lush Life, Someday My Prince Will Come von Miles Davis oder Bossa Novas mit Stan Getz gespielt, so wird der Jazz langsam durch die Beatles abgelöst, was viele nicht verstehen können und so gar nicht goutieren wollen. „..Beatles, Beatles, die Infantilisierung Amerikas..“ ** Doch der immer stärker werdende Drogenkonsum ändert das Verhalten und den Musikgeschmack der Kommunarden schleichend und bald gewinnt der Pop die Oberhand.       
Amerika ist gerade dabei, sich durch die Popkultur massiv zu verändern, was sich zumindest aus der Sicht der meisten schwarzen*** (Jazz) Musiker als eine absolute Katastrophe herausstellen wird. Aber die hatte wohl schon etwas früher, genauer am 30. Juli 1954 begonnen, als in Memphis die wohl lausigste Figur unter vielen lausigen Figuren der Popgeschichte ihr erstes Konzert gab und dafür berühmt wurde, dass sie sich nebst einer idiotischen Frisur dauernd zwischen die Beine griff.

Die Flower - Power – Ära war gar nicht so friedlich und harmlos wie meist angenommen. In den USA gab es anfangs der 60er Jahre eine massive Zunahme der Mordquote von 4 auf 10/100.000,  bis sie im Jahr 1992 plötzlich um 10% im Vergleich zum Jahr davor zurückging und sich danach kontinuierlich senkte (4,8 im Jahr 2010) . Steven Pinker stellt in seinem Buch Gewalt „plausible Kausalbeziehungen zwischen der Geisteshaltung der Entzivilisierung  und konkreter Gewalt“ fest – mit Entzivilisierung meint Pinker „die neue Zügellosigkeit (die Pop-/Rockmusik und die Drogen bleiben da nicht ganz unerwähnt), den gewalttätigen marxistischen Klassenkampf, die Ablehnung der Selbstbeherrschung und die Abkehr von Standards der Sauberkeit“ . 

1976 wurde ich in Berlin selbstgewähltes Opfer einer Überdosis LSD, die mich in Form von Flashbacks, Panikattacken und anderen psychischen Grauslichkeiten noch mindestens dreissig weitere Jahre quälen sollte. Trotzdem bin ich selbst als Asket für die Freigabe sämtlicher Drogen, an Erwachsene.

 

mathias rüegg

 

 

 

*Neben T.C. Boyle zählen auch die amerikanischen Romanciers Paul Auster (New York Trilogie), James Baldwin (Giovannis Zimmer), John Irving (Bis ich Dich finde), Richard Powers (Der Klang der Zeit), Philip Roth (Amerikanisches Idyll), Tom Wolfe (Fegefeuer der Eitelkeiten) und Pearl S. Buck (Die gute Erde), übrigens als einzige Literaturnobelpreisträgerin (1938) von allen Genannten, zu meinen Lieblingsautoren.

 

**Die Beatles stehen hier vielleicht etwas unglücklich gewählt als Synonym für die aufkommende Popkultur – sie selber haben sich dann ja ganz schnell von den meisten Unerfreulichkeiten derselben verabschiedet und sich nur noch der Musik gewidmet, deswegen steht ihr Vermächtnis mit den zweihunderteinundfünfzig Songs für mich auf einer Stufe mit Franz Schuberts Liedgut. Im Unterschied zum praktisch gesamten Rest der Popmusik mit Ausnahme des späten Sting.

 

***Wenn man sich die ausdrucksstarken und eindrücklichen Fotos von William Claxton, die er von sehr vielen schwarzen Jazzmusikern gemacht hat, vor Augen führt, dann ist der Begriff „afroamerikanisch“ nur einer von vielen Bausteinen in der Euphemismus-Tretmühle. Ja, all diese wunderbaren Jazzmusiker und Jazzmusikerinnen waren genial, stolz, schwarz und schön!