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30.10. 2018  Das Universum des Dan Tepfer

 

Der franko-amerikanische Jazzpianist Dan Tepfer  (geb.1982 in Paris) hat 2011 ein Album mit Bachs Goldbergvariationen, umrahmt von eigenen Improvisationen, eingespielt, Dazu braucht es viel pianistisches Können, ein großes musikalisches Wissen, sehr viel Vorstellung und vor allem eines: Mut! Tepfer, der mit klassischer Musik aufgewachsen ist, sich aber schon sehr früh zum Jazz und zur Improvisation hingezogen gefühlt hat, schloss nebenbei auch noch ein Studium in Astrophysik ab. Und in diesem Dreieck zwischen Jazz, Klassik und der musikalischen Umsetzung astrophysikalischer Vorgänge bzw. der Beeinflussung von Alogrithmen auf die Improvisation bewegt sich dieser geniale Grenzgänger, der dem Monumentalwerk von J.S. Bach - das die gesamte Musikgeschichte der damaligen Zeit in einem einzigen Werk (1731) vereint, seine persönliche Sichtweise in Form von 31 Improvisationen gegenüberstellt.
 

Alle 31 Improvisationen sind ziemlich genau gleich lang wie die meist kurz gehaltenen Originale - die ja ursprünglich Clavieretüden waren, und fügen sich nahtlos (manchmal merkt man es kaum) an das Original, das aus zwei Teilen à je 15 Variationen und einer Aria besteht, an. Interessanterweise liegt dem gesamten Zyklus eine einzige 32-taktige Basslinie zugrunde, die Parallele zum 32taktigen Jazzstandard liegt also auf der Hand. Und ist somit auch musiktheoretisch legitimiert. Tepfer spielt die Originale klar, präzise mit wenig Pedal und einer konsequenten Rhythmik, die an sein großes Vorbild – neben Pierre Hantaï,  an Glenn Gould erinnert. Und „selbstverständlich“ hat Tepfer sich auch noch selber aufgenommen auf einem Yamaha CFX, der ihm vom Yamaha Artist Center in NYC zur Verfügung gestellt wurde. Somit war er unabhängig und konnte Tag und Nacht aufnehmen und gleichzeitig an seinem idealen Aufnahmeklang arbeiten.


Sich durch alle 62 Stücke durchzuhören ist eine unglaubliche Reise ins Innere der Musik, ins Innere der Klassik und in dem Fall eben auch ins Innere des Jazz. Und man entdeckt ein weiteres Mal, wie zeitlos modern Bach noch immer ist und es wohl auch in zweihundert noch sein wird! Die artistischen Bravourstücke 5, 14, 20,26 & 28 bleiben es auch bei Tepfers beeindruckenden Improvisationen/Remakes, manche sind eher (bitonal) vertrackt (6, 12, 16), manche überraschend (19, 29) und einige sehr lyrisch (13, 15, 21, 25 & 30). Auf die ist Tepfer besonders stolz und ich bin es auch für ihn! Wobei die Stimmung jedes einzelnen Originals gekonnt aufgenommen und weitergeführt wird. Bei den Improvisationen summt er leise mit, bei den Originalen nicht, was von seinem tiefen Respekt Bach gegenüber zeugt. Tepfers Idee ist mehr als nur voll aufgegangen.   

Jede Generation soll, ja muss die Meisterwerke vergangener Epochen neu entdecken, interpretieren und neu gestalten, wobei Tepfer in seinen Improvisationen zusätzlich noch eigene Sprache mit einem eigenen Vokabular entwickelt hat.

Und das alles live zu spielen ist heftig, weil man praktisch jede Minute vom Interpreten zum Improvisator und wieder zurück wechseln muss, und der Improvisator darf sich nie ganz verlieren darf.

 

Dan Tepfer repräsentiert jenen Typus von Musiker, von dem sich Leonhard Bernstein und Friedrich Gulda mehr gewünscht haben!      


Wien, am 30.10. 2018  mathias rüegg