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25.12. Mein persönlicher Bezug zum Christentum 

Ich bin in einer streng protestantischen, hoch religiösen Familie aufgewachsen, und hatte damit meine liebe Not, die mich allerdings auch des Öfteren mental erfinderisch gemacht hat, z.B. während langer langweiliger Andachten, Gottesdienste oder ewig währenden Gebeten. Ich konnte nicht wirklich verstehen, warum gerade mein hochintelligenter und gebildeter Vater so tief gläubig war. Vielleicht gerade deshalb? Jedenfalls schämte ich mich in der Schulzeit immer ein wenig für die Religiosität und das Anderssein meiner Eltern und ihrem Freundeskreis, obwohl dieser aus sehr viel interessanten und äußerst kommunikativen Personen bestand. Später hat mich das dann kaum mehr gestört, und meine Eltern und ich haben unsere unterschiedlichen weltanschaulichen Standpunkte und Lebensstile ganz nach dem Motto „Leben und leben lassen“ toleriert und akzeptiert. Tatsächlich hatte ich mein Leben lang immer einen guten Draht zu religiösen, sprich christlichen Menschen, mit denen ich mich immer bestens unterhalten konnte/kann. Als ich im Herbst 2011 fünf Wochen lang in Walden (Upstate NY) meine für den Big Apple Circus komponierte Musik mit dem Zirkusorchester einstudierte, wurde zu einer der Vorpremieren auch eine dort ansässige amische Großfamilie (die Amischen sind eine protestantische Glaubensgemeinschaft in den USA, die von Süddeutschen und Schweizern im 17. Jh. gegründet worden ist), die bereits am Nachmittag Stände mit Essen und Trinken aufgebaut hatte, eingeladen, mit deren Mitglieder ich mich bestens unterhielt. Ich mochte ihre Kleidung, Ihre Outfits, die mich an die frühen 50er Jahre erinnerten und stellte mit lautem Entsetzen fest, dass alle Sneakers trugen. Am Abend vor der Vorstellung kamen alle der ca. dreißig Amischen zu mir, und jeder einzelne zeigte mir voller Stolz seine richtigen Schuhe!
Jedenfalls kommt im Jazz-, bzw. Künstlermilieu, in dem ich mich seit sechsundvierzig Jahren bewege, die christliche Religion praktisch nicht vor, und wenn, dann sind immer alle sofort peinlich berührt und fühlen sich irgendwie angegriffen. Wobei ich zugeben muss, dass ich mit der katholischen Kirche, die nach wie vor frauenfeindlich, also konservativ ist, und sich mit dem Missbrauch noch immer so schwer tut, dass man die Dinge nicht mal wirklich beim Namen benennen darf, meine liebe Mühe habe. Auch wenn ich anerkennen muss, dass die Katholiken im karitativen Bereich sehr viel leisten und viele Leute auf der untersten Stufe auffangen und ihnen helfen. Doch am Schluss scheint dann wieder jeder Papst theologisch und innerkirchlich ein Hardliner zu sein.          
Seit ich mit zunehmendem Alter versuche, selber zu beobachten und selber zu denken und mich dadurch zunehmend vom Zeitgeist distanziere, wird mir als atheistischem Protestanten immer mehr bewusst, dass wir zu gleichen Teilen  Kinder der Aufklärung und der christlichen Lehre sind, ob wir das nun wollen oder nicht und dass wir uns darüber bewusst sein sollten. Das frühe Christentum, sich auf das neue Testament beziehend, war eine revolutionäre, pazifistische Gemeinschaft, die in der Geschichte der Menschheit ihresgleichen sucht (die französische Revolution war das z.B. so nicht). Der Satz von Jesus in Markus 12,31 „Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“ bedeutet nicht weniger als die Gleichberechtigung aller menschlichen Individuen. Auch die Trennung von Kirche und Staat in Markus 12,27 „Da sagte Jesus zu ihnen: so gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört und Gott, was Gott gehört“ war ein revolutionärer Gedanke (auch wenn dieses Zitat oft gegenteilig interpretiert worden ist), der als Wegbereiter für eine moderne Gesellschaft gesehen werden muss. Und im Jahre 1521 schaffte Luther die Übersetzung des Neuen Testaments aus dem Altgriechischen in nur elf Wochen und damit entstand erstmals eine einheitliche deutsche Sprache. Dank Gutenbergs revolutionärer Buchtechnik konnte Luthers Forderung nach „Bildung für alle, auch für die Frauen“ umgesetzt werden. Dass Luther leider auch ein übler Antisemit war, was seine Hetzschrift aus dem Jahr 1543 belegt, in der er fordert, dass man die Synagogen niederbrennen und die Juden in Lager verbannen soll, steht leider auf einem anderen Blatt und ist nur schwer nachvollziehbar, wie vieles Andere auch, was die Kirche im Mittelalter, als  sie eine „weltliche“ Macht verhielt, verbrochen hatte Trennung von Kirche und Staat, Gleichberechtigung von Mann und Frau, sowie Bildung für alle sind also zentrale Anliegen des Christentums, zeitlos aktuell. Und auch die Kunst hat im Christentum immer eine große Rolle gespielt. Davon zeugt z.B. der wahrscheinlich größte Künstler aller Zeiten, Johann Sebastian Bach.        
Aber was hat das Christentum nun mit dem Jazz zu tun? Jedenfalls waren es die Baptisten im Norden USA (im Süden allerdings nicht!), die sich vehement für die Abschaffung der Sklaverei eingesetzt hatten, und deren Kirchen gleichzeitig auch Hort subversiven Widerstandes waren. Ganz ergreifend ist in diesem Zusammenhang die Geschichte der Sklavin Harriett Tubman, die eine bedeutende Rolle bei der Underground Railroad, also dem Netzwerk zu Befreiung von Sklaven, gespielt hatte und heute die Nationalheilige in den USA ist.  Jedenfalls konnten sich die modalen Work Songs/Field Hollers nur dank der, durch die europäischen Kirchenlieder importierten kadenziellen Harmonik (Tonika-Subdominante-Dominante, also I-IV-V) zum Spiritual, Blues und den frühen Jazzstilen entwickeln. Und als Weihnachtsmusik empfehle ich das Spiritual There Is A Balm In Gilead mit Paul Robeson.

In diesem Sinne, frohe Weihnachten! mathias rüegg

Ps: Über Hundert Millionen Christen werden jährlich verfolgt, vor allem in muslimischen Ländern. Symbolisch für alle verfolgten Christen steht die pakistanische Katholikin Ali Bibi, die am 8.11.2010 wegen angeblicher Gotteslästerung - sie soll den „Propheten“ Mohammed „beleidigt“ haben, zum Tode verurteilt worden ist und am 31. Oktober dieses Jahres freigesprochen worden ist, was zu Massenprotesten im ganzen Land durch schreiende Männer mit langen Bärten und zur Ermordung des (einzigen christlichen) Ministers für religiöse Minderheiten, Shahbaz Bhatti, geführt hat. Der Vatikan hat Ali Bibi und ihrer Familie kein Asyl angeboten, Großbritannien aus Angst vor Unruhen auch nicht. Deutschland scheint deswegen in Kontakt mit der pakistanischen Regierung zu sein. Immerhin..

Auch frohe Weihnachten an Ali Bibi, in der Hoffnung, ihr Alptraum finde bald ein versöhnliches Ende!