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Blog 6.10.19

Das Auto, das Schnitzel und das Klima!

 

Wenn man der Wissenschaft Glauben schenken darf, dann gibt es eine vom Menschen verursachte Klimaveränderung, die - bedingt durch den Anstieg der Treibhausgase, die Erderwärmung seit ca. siebzig Jahren massiv beschleunigt.  Dazu gibt es ein sehr spannendes Buch des in Wien lebenden deutschen Historikers Philipp BlomDie Welt aus den Angeln: Eine Geschichte der Kleinen Eiszeit von 1570 bis 1700 sowie der Entstehung der modernen Welt, verbunden mit einigen Überlegungen zum Klima der Gegenwart. Aber was wäre, wenn man die Erderwärmung gar nicht mehr aufhalten könnte? Oder wenn es auch noch andere Ursachen gäbe?  Oder das viel länger als angenommen dauert? Meiner Meinung nach gar nichts, denn in jedem Fall müssen ein paar wesentliche Punkte wie z.B. Verkehr, Tourismus und Fleischkonsum grundlegend geändert werden. Sollte danach die Erderwärmung in absehbarer Zeit zurückgehen, umso besser. Und wenn nicht, dann würde sich jedenfalls die Lebensqualität spürbar verbessert haben. Und dazu könnte/kann jeder Einzelne mit dem Verändern des Konsumverhaltens sehr viel beitragen, sagen wir mal mindestens ein Drittel. Für den Rest wären die Politik und vor allem die Forschung mit den notwendigen technischen Innovationen zuständig.


Der Verkehr ist für ca. 14% der Emissionen verantwortlich. Fangen wir bei den Flureisen an. Es ist ungerecht, dass Benzin und der Strom der Eisenbahn besteuert werden, das Kerosin aber nicht. Entweder man schafft die Steuern auf Energie ab oder man besteuert im gleichen Verhältnis das Kerosin. Das hat mit einer neuen Steuer so wenig zu tun, wie wenn man angenommen die Beamten, die bisher keine Einkommenssteuer hätten zahlen müssen, nun auch wie alle anderen zur Kassa bitten würde. Ausgleichende Gerechtigkeit, nicht Mehrbelastung. Der zu billige Flugverkehr ist weltweit für einen aus dem Ruder gelaufenen Tourismus – „Reisen“ ist etwas anderes – verantwortlich, der ganze Nationen der Identität beraubt, Tausende Kilometer von Küsten verschandelt und schließlich ganz heimlich zu uns nach Europa zurückkommt, in dem Einheimische in Städten wie z.B. Barcelona, Venedig oder Paris in die Außenbezirke vertrieben werden.     
 

Vom Auto will ich ja schon gar nicht mehr reden. In dem Moment, in dem ich mein Haus selbst im siebten Bezirk verlasse, werde ich fremdbestimmt. Jeder kleinste Schritt muss sich nach dem Auto richten, selbst wenn man wie ich, aus Protest wenn immer möglich, nur bei Rot über die Straße geht. Es sind die Autos, die den öffentlichen Raum für sich komplett in Anspruch nehmen, man könnte auch „terrorisieren“ dazu sagen. Wozu braucht Wien mitten in der Stadt eine achtspurige Autobahn? Es gibt die These, dass die Autobahnen in Europa im 20. Jh. mehr zerstört haben als alle Bomben zusammen.

Warum, wozu und mit welcher Berechtigung dürfen die Autofahrer über das Leben der Nichtautofahrer bestimmen? Und da reden wir noch nicht mal vom Güterverkehr, der zu 75% auf der Straße statt mit der Bahn abgewickelt wird und in Europa für ca. 275 Mio. Tonnen CO² pro Jahr verantwortlich ist. Vom dadurch verursachten Lärm mal ganz zu schweigen.Die Autos, besonders die SUV’s! gehören raus aus der Stadt, und die Parkplätze weg und durch Grünflächen ersetzt Für private Boote und Flugzeuge gibt es schließlich auch keine Anlege-/Flugplätze vom Staat!

Spannend wär es, wenn es außer orange leuchtenden keine Ampeln mehr gäbe. Und zwar nicht nur in den Städten! Das hieße, dass kein Verkehrsteilnehmer mehr im Recht wäre. Jeder müsste sich rücksichtsvoll verhalten, die Schwächsten kämen immer zuerst. So funktioniert das u.a. in Schweizer Innenstädten seit Jahrzehnten. Und vermutlich würden dann auch die Unfallstatistiken zurückgehe, weil sich das Fahrverhalten radikal ändern müsste

Die Unfallstatistiken schauen übrigens so aus: Im Jahr 2018 gab es im Bahnverkehr in Österreich drei Unfälle mit einem Toten und 121 Verletzten bei 264 Mio. beförderten Passagieren. Dem stehen 23.709 Verletzte bei  PKW - Unfällen, bzw. gesamt 46.525 Verletzte im Strassenverkehr  gegenüber

 

Mit dem allgemeinen CO2-Ausstoss schaut es hierzulande eher schlecht aus. Als eines der wenigen europäischen Länder kann Österreich seit Jahrzehnten keine rückläufigen CO2-Emissionsreduktion ausweisen, das jährliche Ziel wurde bis auf 2018 jedes Mal verfehlt. Die Endabrechnung dafür wird es aber erst 2030 geben, ziemlich böse, wenn dann plötzlich mehrere Milliarden auf einmal zu bezahlen sind, für die der Staat keine Rücklage gebildet hat. Das erinnert mich sehr an die Energieabrechnungen, die einmal im Jahr, wie zu Beginn des 20. Jh. per Post von Wien Energie kommen, damit man ja nicht sehen kann, wie viel Energie man pro Monat verbraucht hat und vielleicht Freude noch am Sparen entdecken könnte. Die App meiner ferngesteuerten Heizung Neatmo z.B. kann das und weist jeden Monat eine genaue Verbrauchsanalyse aus.

 

Ca. 15-20% der weltweiten Treibhausgase entfallen auf die Fleischproduktion, wobei die Industrieländer den mit Abstand größten Fleischkonsum aufweisen.

Kaum auszudenken, was passieren würde, wenn die Entwicklungs- und Schwellenländer mit ihren Fleischkonsum dem Unserem gleichziehen würden! Schon jetzt schaut es verheerend aus. Von den Anbauflächen für Tierfutter (Soja), die weltweit jedes Jahr grösser werden und dem dadurch bedingtem Roden und Abbrennen des Regenwaldes im Amazonas und in Französisch-Guyana bis hin zu den Monokulturen in Österreich, die schwer vergiftete Böden hinterlassen. 50 Fußballfelder pro Minute weltweit fallen der Jagd nach Tierfutter zum Opfer. Die Hälfte des weltweit angebauten Getreides wird an Tiere verfüttert, kombiniert mit Unmengen von Antibiotika & Hormonen, einem enormen Wasserverbrauch (und einer absolut unwürdigen, sadistischen Haltung der meisten Tiere. Eine Schande für eine hochentwickelte Zivilisation. Der deutsche Philosoph Richard David Precht spricht berechtigterweise von einem „Holocaust der Tiere“, denn ca. 70 Milliarden Tiere weltweit, in Österreich 99 Mio., werden pro Jahr geschlachtet.  Also 2200 Tiere pro Sekunde, das entzieht sich jeder möglichen menschlichen Vorstellungskraft! Aber nur ca. 40 bis 55% des Fleisches verzehrt die erste Welt, der Rest, also das „nicht so gute Fleisch“ wird in die dritte Welt, vor allem nach Afrika exportiert, das dort dann die Preise der lokalen Fleischproduktion (meist von Frauen) unterwandert. Ein großer Teil, bis zu einem Drittel der Fleischproduktion, wird schlicht und einfach weggeworfen.

Und wer wissen möchte, wie verschieden selbst Hühner sein können, wenn man sie „Huhn sein lässt“, der könnte sich die aussergewöhnliche Homepage des „Hühnerphilosophen“ zu Gemüte führen.


Die Quittung für diesen exzessiven, in der Form noch nie dagewesenen und laufend steigenden Fleischkonsum, der sehr oft mit ungesunder Ernährung (Zucker, Junk Food  etc.) gekoppelt ist, ließ nicht lange auf sich warten. Weltweit zwei Milliarden Übergewichtige sprechen eine klare und volkswirtschaftlich katastrophale Sprache. Vor allem das Industriefleisch (Wurst, Salami, Schinken etc.) dürfte sich auf die Autophagie (Zellerneuerung) und offensichtlich auch auf die Demenz extrem negativ auswirken.     
 

Jedenfalls liegt Österreich mit dem Fleischkonsum in Europa an dritter Stelle (beim Alkohol und Zucker schaut es auch nicht viel besser aus) und in der Statistik der „Lebenserwartung ohne Beeinträchtigung der Aktivität“ sieben Jahre hinter dem EU-Durchschnitt, und sage und schreibe um sechzehn Jahre hinter den Schweden. Das bedeutet, dass die österreichischen Bewohner/innen nur bis siebenundfünfzig gesund sind, ab dann wird vorwiegend „frühpensioniert gehatscht“. Und der FPÖ fällt dazu nichts Besseres ein, als „wir werden dafür sorgen, dass jedes österreichische Kind sein Schnitzel auf dem Teller vorfindet.“ Den anderen Parteien, nicht mal den Grünen, fällt dazu auch nicht viel mehr ein, schließlich sind die Vegetarier/Veganer ja eine absolute Minderheit, bei der es nichts „zu holen“ gibt. Aber wann wird es endlich eine liberale, nicht sektiererische  Vegetarierpartei geben? Ich wäre dabei :-) Hier noch ein Link zum sehr informative Fleischatlas
Als Vegetarier seit acht Jahren (davor schon einmal zehn Jahre, und praktisch vegetarisch aufgewachsen) möchte ich auf Käse, neben Tofu ein perfekter Fleischersatz, nicht verzichten. Ich esse auch gerne in veganen Lokalen, z.B. im Makro 1, wo mittwochs immer eine bestimmte Julia Pallanch mitarbeitet. Selber bin ich aber kein Veganer. Und wäre ich nicht Vegetarier, dann würde ich sicher das nächste Mal in der Schweiz einen Insektenburger kosten, den es nur dort und in Holland gibt. Alle anderen europäischen Länder sind diesbezüglich noch nicht so weit. In vielen außereuropäischen Gegenden wie Asien, Afrika und Südamerika dienen Insekten seit Langem als Proteinlieferanten. Spannend ist auch die Herstellung von In-Vitro-Fleisch, also künstlich hergestelltem Fleisch, das man offenbar im Geschmack kaum von „richtigem“ Fleisch unterscheiden kann, dessen Produktion im Moment aber noch zu teuer ist. Und wenn man Firmen wie Beyond Meat verfolgt, dann gibt es doch noch Hoffnung. Vielleicht verkauft McDonalds vom einen auf den anderen Tag plötzlich kein Fleisch mehr? Nicht auszuschließen. 1847 wurde in London übrigens die erste „Vegetarian Society of England“ gegründet und 600 vor Christus entstanden die ersten fleischlosen Bewegungen in Indien und Griechenland. Und so einfach wäre es, tierisches  Protein durch Pflanzliches zu ersetzen.   
 

Aber es stellt sich noch eine andere Frage: wo bleibt das Mitgefühl der aufgeklärten westlichen Gesellschaft den Tieren gegenüber? Unsere Gesellschaft, die es geschafft hat, erstmals in der Geschichte der Menschheit (in Europa) einen mehr als siebzigjährigen Frieden zu erreichen, die Mordquote seit dem 13. Jh. bis heute von ca. 100 auf eins, bezogen auf 100.000 Einwohner (zum Vergleich: In Kolumbien liegt sie fünfundfünfzig mal höher) zu senken (Daten: Steven Pinker) und auch sonst jede Form von Gewalt, vor allem auch Frauen und Kindern gegenüber stigmatisiert und dem Rassismus abgeschworen hat, verhält sich den Tieren gegenüber wie der mittelalterliche Mensch gegenüber den öffentlichen Folterungen und Hinrichtungen. Das ist einer aufgeklärten Gesellschaft nicht würdig! Siehe auch Karnismus.
Vielleicht würde es helfen, wenn man sich mit der Kindstötung, die über Jahrhunderte zum Alltag gehörte (oft aus ökonomischen Gründen) und leider nach wie vor in bestimmten Ländern praktiziert wird, auseinander setzt. Im Westen kommt sie praktisch nicht mehr vor (Daten Steven Pinker) , die Quoten sind um das Tausendfache gesunken. Für niemanden hierzulande wäre das heutzutage noch nachvollziehbar. Das sind Empathieprozesse, die jahrhundertelang gedauert haben und wie sehr Vieles, Produkte der Aufklärung sind. Dafür haben wir aber heute keine Zeit mehr! Doch eine der großen Qualitäten des Menschen ist seine Lernfähigkeit. Man darf hoffen, dass die Vernunft den Steinzeitmenschen in uns besiegt und „Grillen & Co“ zu ebensolchem NOGO erklärt wird wie die Kindstötung. Wobei Flexitarismus also Teilzeitvegetarismus auch schon ein großer Fortschritt ist/wäre.

Das Denken in globalen Kategorien ist eine neue Herausforderung, für die das menschliche Hirn nicht unbedingt konditioniert ist. Zeit zum Umdenken und „Umhandeln“!

Doch siehe da, plötzlich gibt es unerwartete Schützenhilfe aus der Ecke der Bodybuilder und Hochleistungssportler um „Arnie“, die erklären, dass tierisches Eiweiß nicht notwendig für Höchstleistungen ist, Wer hätte so was gedacht!! 

 

Auch wenn da Ernst Jandl wohl etwas anderer Ansicht war:

blunzen essen
dazu trinken ein seidel

noch ein blunzen essen
dazu trinken noch ein seidel
andern zuhören sprechen andern zuschauen essen
blunzen essen den dritten dazu trinken den dritten seidel

 

mathias rüegg

 

 

ps: Und hier noch ein angenehm unhysterischer Artikel des Dänen Bjorn Lomborg.  Vieles davon findet man auch in Hans Roslings wunderbarem Buch Factfullness.

 

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