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18.11.2018: The World of Adam Neely

 

Als wir im Herbst 1982 mit dem Vienna Art Orchestra in der Fabrik in Hamburg spielten, stieß ich auf einen Zeitungsartikel, der von einem bevorstehenden Pop- und Rockinstitut berichtete. Wir konnten das alle nicht glauben, waren doch diese Musikgattungen soeben erst in den Probekellern als Protest gegen Eine spießige, langweilige und hoch militarisierte westliche Gesellschaft von musikalischen Außenseitern erfunden worden. Und nun das! Diese Akademisierung, der man kurz zuvor noch zu entgehen versucht hatte, siehe z.B. Ivan Illich: Die Entschulung der Gesellschaft, seither immer ärgere Ausmaße anzunehmen, nicht nur in der Musik/Kunst sondern in praktisch allen universitären Bereichen. So wurden im Jahr 2016 in Österreich 1.500 und in Deutschland 15.000 verschiedene  Studienrichtungen angeboten, wobei der Wert akademischer Titel mittlerweile ins Bodenlose gesunken ist. 
Ich bin jedenfalls schon lange kein Freund mehr von Kunstuniversitäten, und gerade der Bereich Jazz/Pop hat teilweise groteske Ausmaße angenommen. Am besten funktioniert es wohl noch in der Klassik. In Österreich ließe sich im Jazzbereich etwa feststellen, dass die wirklichen "Supercracks" wie Thomas Gansch, Georg Breinschmid, die Gebrüder Janoschka oder Mario Rom, nie eine Jazzschule von innen gesehen, sehr wohl aber Klassik studiert haben. Kunsthoch- und wohl auch viele andere "Schulen" wären meiner Meinung jederzeit ersetzbar, aber gute Pädagogen natürlich NIE!          
Adam Neely ist einer von der Sorte, ein Lehrer und Erklärer, von dem man nur träumen kann: gebildet, weltoffen, selbstironisch, ein toller Bassist und ein interessanter Komponist. Voller Neugier, immer die richtigen Fragen stellend und nach guten Antworten suchend. Pädagogisch gewieft, logisch, immer wieder überraschend, einfach und klar. So, wie wir das (nur) von den Amis kennen! Adam Neely hat sich mit sehr vielen musikalischen Stilrichtungen, auch mit der Klassik, fundiert auseinander gesetzt. Besonders gern mag ich  Bartok String Quartets on Bass Guitar , wo er im ersten Streichquartett im 3. Satz die Cellostimme am E-Bass doppelt. Spannend auch, wie er in The Cantus Firmus Method   die Idee des Fuxschen Cantus Firmus  auf Autum Leaves überträgt und daraus u.a. ein Spiel mit den "Avoid Notes" als Zielnoten macht. Philosophisch wird es in Nietzche's Guide to Bass Guitar, wo das dionysische und apollinische Prinzip in seiner Musikwelt aufspürt. In Grenzbereiche wagt er sich in I play the lick for 5 hours straight vor, wo er geschlagene fünf Stunden lang ein eintaktiges Riff spielt, ohne anschliessend in eine geschlossene Anstalt eingeliefert zu werden! Weiters stellt er sich die (absurde) Frage nach dem schwierigsten Stück in What is the most difficult piece of music und landet nach Ausflügen zu Paganins 24 Capricen, Coltane’s Giant Steps, The Black  Whole von Zappa über Strawinsky’s Sacre schließlich bei Ben Johnston’s 7th String 4tet.  Kannte ich nicht, spannendes Stück! Auch wenn ich mit den Mikrointervallen im dritten Satz schon etwas Mühe habe. Neely vermittelt oft viel einfaches Wissen für Anfänger, das aber wegen seiner strukturierten Klarheit auch für Fortgeschrittene spannend ist: was er z.B. zum Real Book, What is the Real Book zu sagen hat oder wie er drauf kommt, welches das langsamste mögliche , gerade noch spielbare Tempo, bzw. das Gegenteil, das mit einem äußerst charmanten Schluss endet: Abbey Lincoln und Max Roach in Tempo 420. Wer Neely als Komponisten kennen lernen möchte, dem sei seine Angry Music  - beim Dirigieren schaut er aus wie Florian Bramböck!, empfohlen! Und wer sehen will, in welchem kreativen Umfeld sich Adam Neely bewegt, dem empfehle ich 50 musicians on a roof play Brand New Day from the Wiz . Genau: Deshalb ist NYC die Hauptstadt der Musik und in praktisch allen Musikrichtungen führend. Und wir Europäer sollten brav „Platz" oder "Sitz machen“ ganz ruhig sein und erst einmal staunen.

​Wien, am 15.11. 2018, mathias rüegg

ps: Unglaublich, wie viele  Amateurmusiker "Youtube-Star" Neely für Musiktheorie begeistern kann! Ganz im Sinne Robert Schumanns: "Fürchte Dich nicht vor den Worten Theorie, Generalbass, Contrapunkt etc.; sie kommen Dir freundlich entgegen, wenn Du dasselbe tust."