Blog

8.9. 400 Jahre Sklaverei, 50 Jahre Woodstock und 90 Jahre Oscar.

1619, also genau vor vierhundert Jahren, kamen zwanzig gekidnappte Afrikaner in Virginia an. Danach folgten Millionen und der Spuk dieses Verbrechens namens Sklaverei dauerte bis zum 18. Dez. 1865. War dann aber mit der offiziellen Abschaffung noch lange nicht beendet, denn viele der ehemaligen Sklaven mussten noch bis ins 20. Jh hinein Zwangsarbeit verrichten, und der danach folgende Rassismus entzweit das Land bis heute. Colson Whitehead beschreibt in seinem Buch The Underground Railroad (siehe auch Harriett Tubman) eindrücklich eine Flucht aus der düsteren Sklaverei.

Die N.Y.Times hat das Projekt 1619, in dem es um die Aufarbeitung der Sklaverei geht, ins Leben gerufen. Im Zuge dessen hat der Journalist Wesley Morris einen Artikel mit dem Titel For Centuries, black music forged in bondage, has been the sound of complete artistic freedom. No wonder everybody is always stealing it verfasst. 

Besonders spannend ist der grün markierte Absatz auf Seite drei, in dem Morris erklärt, wie es zum künstlerischen Ausdruck in der Kultur der Schwarzen* in Amerika gekommen ist. Wie sich der Ausdruck der spontanen Einmaligkeit, also die Improvisation, radikal von der weißen Kultur unterscheidet, in der das Meiste geplant, sprich vorgegeben ist. Und wie und warum dieser besondere musikalische Ausdruck, basierend auf individuellem Sound und einer besonderen Rhythmik und Phrasierung, die es bis dahin noch nicht gegeben hatte, das A & O der populären Musik geworden ist und warum sich daran jeder bedient. Der Diebstahl hatte zu Beginn des 19. Jh auf eine besonders üble Art & Weise begonnen, in dem sich zuerst Weiße (mit Ruß) als Schwarze geschminkt und verkleidet hatten, um so in den sogenannten Minstrel Shows Schwarze vorzutäuschen. Später mussten es die Schwarzen dann genau so machen, denn anders war das dem weißen Publikum damals nicht „zumutbar“. Schwarze mussten sich derart als Schwarze verkleiden, dass das weiße Publikum glauben sollte, es seien als Schwarze verkleidete Weiße.  

Und selbst noch im Jahr 1955 wurde die TV-Show von Nat King Cole, der im Radio auch beim weißen Publikum sehr gut ankam, über Nacht abgesetzt (später wurde sie dann wieder aufgenommen), weil man das weiße Publikum nicht mit soviel „Blackness (im Schwarzweiß-Fernseher!) konfrontieren wollte. Übrigens war Nat King Cole „nebenbei“ auch ein hervorragender Bebop-Pianist.    
     
Und wenn wir schon grad dabei sind: was war eigentlich in Hollywood in der wohl größten Epoche des Kinos, im Film Noir mit den Schwarzen los? Haben sich die dortigen europäischen Regisseure und viele andere emigrierten Künstler wie z.B. Arnold Schönberg (hatte lieber mit Gershwin Tennis gespielt) oder Thomas Mann (hatte alles an Amerika gehasst) für irgendetwas von der schwarzen Kultur in Amerika interessiert? Leider nicht einmal Billy Wilder. In Guess who is coming to Dinner von 1967 mit dem schwarzen Sidney Poitiers in der Hauptrolle, geht es um eine gemischtrassige Hochzeit, die bis am 12. Juni 1967, also sechs Monate vor dem Erscheinen des Films, noch immer in siebzehn meist südlichen amerikanischen Staaten verboten war. Und Sidney Poitiers war 1964 mit Lilien auf dem Felde der erste schwarze Oscarpreisträger in einer Hauptrolle. Halle Berry erst 2002 als erste Frau! Von den insgesamt dreihundertsechsundvierzig Oscars bis 2016 gingen gerade mal fünfzehn an Afroamerikaner. 

 

Schnitt: gerade steht auch ein zweites amerikanisches „Jubiläum“ an, fünfzig Jahre Woodstock. Das war dieses eigenartige Festival, Vorläufer aller weltweiten „Gatschfestivals“ mit Tausenden Tonnen von Abfall - eine rein kommerzielle Veranstaltung, bei der es nur ums Geld ging – und bei der 32 Bands aufgetreten sind. Davon waren zwei indisch, eine südamerikanisch (Carlos Santana) und drei schwarz (Jimmy Hendrix, Richie Havens, Sly & Theo Family Stone), der Rest waren weiße Rockbands oder Countrymusiker. Das Publikum war ausschließlich weiß und hat danach den eigenartigen Anspruch erhoben, mit diesem „Gatschfestival“ die „Welt verändert“ haben zu wollen. Tatsache ist, dass Woodstock eine rein kommerzielle Idee war, bei der es um nichts anderes als ums Geld ging. Und dass z.B. Miles Davis da gespielt hätte, wäre schlicht und einfach undenkbar gewesen. Obwohl er mit In A Silent Way bereits neue Wege weg vom klassischen Jazz bestritten hatte. Dafür wurde er dann ein Jahr später vom Isle of Wight Festival in England im August 1970 eingeladen.

Aber es geht ja nicht darum, wie viele oder wie wenige Black Artists in Woodstock aufgetreten sind oder nicht, sondern darum, dass die meisten weißen Bands ein Vokabular verwendeten, das nicht ihres war, und dass deren Urheber vom kommerziellen Markt des weißen Publikums praktisch ausgeschlossen waren.

Was mit dem ersten Konzert von Elvis Presley 1954 in Memphis, ca. hundertdreißig  Jahre nach der ersten Performance vom „weißen“ Minstrel Thomas Dartmouth Rice verhängnisvoll begonnen hatte, nämlich das Stehlen und anschließende, umfärbende Weißwaschen der schwarzen Musik, wurde ab Woodstock nun institutionalisiert. Dieses gut gemachte Video hier gibt einen schnellen Überblick über alle die, von den Schwarzen erfundenen populären Musikrichtungen der letzten 150 Jahre, also bis auf Country, das Wienerlied und das Schweizer Alphornspiel praktisch alle..:-)

Schon kurz nach den ersten Konzerten der Beatles und der Stones Mitte der 60er-Jahre in den USA, wurden die bis dahin erfolgreichen schwarzen Blues-, Rhythm & Blues- und Jazzmusiker von Muddy Waters über Etta James bis zu Barry Harris schrittweise in die Wüste geschickt. Damit begann der Siegeszug der weißen Popmusik, bei der es um  Sex, Drugs & Rock’n Roll  - was eigentlich falsch ist, denn es hätte "money, money, money" heissen müssen - aber nie um Musik ging/geht, und die nebenbei auch noch für einen nicht unerheblichen der Infantilisierung der Mainstream-Kultur im Westen verantwortlich zeichnet.
 

Je grösser der zeitliche Abstand zur damaligen Pop/Rockmusik wird, die übrigens innerhalb von ein paar wenigen Jahren (1964-1972) „erfunden“ worden ist, desto eigenartiger klingt Vieles für heutige Ohren, wobei beim Jazz und allen anderen schwarzen Stilrichtungen genau das Gegenteil der Fall ist. z.B. bei Bessie Smith’s  St. Louis Blues (1925), Art Tatum’s Tiger Rag (1930), Aretha Franklins Today I sing the Blues  (1969), Ray Charles’ Drown In My Own Tears (1960) oder Mahalia Jackson's Just a closer Walk (1970). Der von mir früher heiß geliebte Keith Emerson, der damals als absolutes Genie galt, wirkt später im Vergleich mit Oscar Peterson ziemlich blass und bemüht, ganz zu Schweigen von seinem sein Bläserarrangement. Obwohl das Ganze auch wiederum ziemlich mutig von Emerson war..:-) 

Die große Ausnahme bilden die Beatles, die pure Musik gemacht haben und für mich in die Ahnengalerie neben die ganz großen Meister wie Schubert oder Schumann gehören.

 

Ganz anders verhielt es sich mit der Jazzmusik. Die frühen schwarzen Ragtime- und Jazzmusiker wurden in Europa, vor allem in Paris, mit offenen Armen empfangen, und der Sound der Musiker, vor allem die vielen Growleffekte der Blechbläser und die peitschenden, swingenden Rhythmen ließen niemanden kalt, nicht einmal die klassischen Komponisten (zumindest in Paris) wie Darius Milhaud, Eric Satie oder Igor Strawinksy, die damit auch in Europa das Jazz Age eingeläuteten. Viele schwarze Jazzmusiker ließen sich in Paris oder später Kopenhagen nieder.

Im Jazz entstand eine fruchtbare Zusammenarbeit über die Rassengrenzen hinweg. So waren die meisten Komponisten des Great American Song Book fast ausschließlich Weiße, wenn man Duke Ellington und Thelonious Monk davon ausnimmt, und das bedeutende, damals unkommerzielle Blue Note-Label wurde von den deutschen Einwanderern Alfred Lion und Francis Wolff gegründet. Selbst Miles Davis, der fast allen Weißen kritisch und ablehnend gegenüberstand, hatte immer wieder herausragende weiße Musiker in seiner Band, von Bill Evans über Joe Zawinul und Chick Corea bis hin zu Dave Liebman oder Mike Stern, ganz zu schweigen von seinem Lieblingsarrangeur Gil Evans.

Natürlich haben alle weißen Jazzmusiker, vor allem auch die in Europa, von den Schwarzen (zwangsläufig) „abgeschrieben“, aber nicht um reich und berühmt zu werden, sondern um  der Musik willen. Einzige Ausnahme war das Quintette Hot Club de France um Django Reinhardt und Stéphane Grappelli, die hier eine komplett eigenständige Musik entwickelt hatten, allerdings auch aufbauend auf dem Swing der Schwarzen. Jedenfalls erlebte die Jazzmusik mit den Sonderbotschaftern Duke Ellington und Glen Miller einen Siegeszug rund um die ganze Welt, der dann vom Geiste Woodstocks in der Folge mehr oder weniger Verstummen gebracht wurde. Unerfreulicherweise müsste man hier auch noch Adornos unüberbietbare Fehleinschätzung der Jazzmusik von 1953, die viele an seinem Urteilsvermögen zweifeln ließen, anführen. Es lohnt sich, seine Verirrung zu lesen. Teilweise klingt sie so, wie wenn sie von den Chefideologen eines soeben erst untergegangen Reiches verfasst worden wäre.

Dass sich das schwarze Publikum vom Jazz ab dem Moment des Bebop, zu dem man nicht mehr tanzen konnte abgewandt hatte, steht auf einem anderen Blatt. 

Die Schwarzen in Amerika haben, wie bereits eingangs erwähnt, so gut wie alle populären amerikanischen Musikformen vom Blues bis zum Rap erfunden. Wesley Morris erklärt es damit, dass die Musik (und der Tanz) über Jahrhunderte lang die einzige Ausdrucksmöglichkeit der geknechteten und unterdrückten schwarzen Bevölkerung war. Zumindest stehen die schwarzen Interpreten seit  Hip Hop und Rap im weltweiten im Focus und verdienen (endlich auch) sehr viel Geld. Das haben sie verdient, auch wenn der Inhalt nicht mehr annähernd so überzeugend wie der ihrer früheren Musikformen ist, die zumindest noch in sehr vielen Samples vorkommen.

Heutzutage sind in Amerika vor allem zwei Musikformen dominant, einerseits der schwarze Rap in den  (liberalen) Städten und andererseits die weiße Country Music auf dem (konservativen) Land. Alle anderen Stilrichtungen wie Jazz, Rock oder Klassik etc. sind lediglich noch Musik für Minderheiten. Das erklärt die Gespaltenheit dieses Landes aus einer anderen Perspektive. Wie viele offiziell benannte Stilrichtungen es in den USA gibt, kann man am Besten bei den 84 Grammy-Award-Kategorien entdecken

Kaum jemand verkörpert das Lebensgefühl der schwarzen Amerikaner/innen so schön und lebendig wie Martha Davis. Dagegen wirken alle Elvisse und Mike Jaggers unecht und aufgesetzt. Und wenn wir schon bei den Frauen im Jazz sind, schon mal was von Beegie Adair gehört? Oder von den Nicolas Brothers?

Heutzutage darf jeder unabhängig von der Herkunft, dem Geschlecht und der Hautfarbe die Musik studieren und spielen, die er will. Weil sie allen gehört. Von Monteverdi bis Duke Ellington! Und das sogar in den USA.

mathias rüegg

 

Danke an Julian Schoenfeld für seine Anregungen!

 

Ps 1 *den Begriff Afroamerikaner verwende ich nur ungerne, weil er für mich konstruiert klingt, aber er kommt hier als Abgrenzung zu den Afrikanern schon mal vor. Ich finde den Begriff „Schwarz“ sinnlich und poetisch und habe dabei immer das Cover von Tutu mit Miles Davis vor Augen. 

Ps 2 Die bezüglich Rassismus oft zitierte These, dass Unterdrückte die besseren Menschen seien, ist natürlich Blödsinn. Die vielen brutalen Regimes schwarzer Machthaber in Afrika bestätigen das.

 

 

Nächste Blogs:
22.08. - Warum ich demokratiepolitisch noch Jungfrau bin

06.10. - Das Auto, das Schnitzel und das Klima!

20.10. - My favorite Arranger II